Full text: Obrigkeit und Untertanen

ständisch-korporative Struktur und die Wechselseitigkeit von Rechten und Pflichten 
in Frage"89. Auf der anderen Seite stand eine defensive Untertanenschaft, die trotz 
oder gerade wegen dieses absolutistischen Neuanfangs unbeirrt an ihren alten Rech¬ 
ten festhielt und auf die herrschaftliche Rationalisierungsinitiative mit einem altstän- 
dischen Traditionalismus reagierte, dem das mittelalterliche Prinzip einer wechselsei¬ 
tigen Verpflichtung von Obrigkeit und Untertanen zugrundelag90. Damit war die 
Grundfiguration der Konfliktlage des 18.Jahrhunderts vorgezeichnet91: Hier die 
rationale Herrschaft, die das altständisch-zweiseitige zugunsten eines absolutistisch¬ 
einseitigen Herrschafts Verhältnisses zu verändern suchte, und dort die traditionale 
Untertanenschaft, die aus einer Defensivhaltung heraus am mittelalterlichen Prinzip 
der Mutualität festhielt. 
Die beiden gemeinsamen Petitionen vom Februar 1729 waren getragen sowohl von 
Gemeinden mit Waldbesitz (wie etwa den Köllertaler oder Völklinger Gemeinden) 
als auch von Gemeinden ohne Waldbesitz, Es war also nicht zu einer nach Besitzver¬ 
hältnissen getrennten Vorgehensweise gekommen. Demenstprechend gestaltete sich 
auch der Inhalt der Klagen. Beiden Sammelpetitionen lag eine Spezifikationsliste 
derjenigen Forstartikel bei, die die Landuntertanen nicht zu akzeptieren gewillt 
waren92. Ihr Protest richtete sich nicht gegen das neue Forstprojekt schlechthin, 
sondern gegen etwa die Hälfte der 70 Punkte, die der Oberforstmeister entworfen 
hatte. Die Landuntertanen beschwerten sich ausschließlich gegen die eingeschränkte 
Nutzung am Wald, die Eigentumsrechte der waldbesitzenden Gemeinden spielten 
keine Rolle. Im Mittelpunkt der Klagen standen die Holzrechte, die bislang je nach 
Notdurft relativ frei waren. Jetzt wurden zum ersten Mal bestimmte Holztage in der 
Woche eingefuhrt, an denen im Beisein des Meiers das zur Haushaltung benötigte 
Holz geholt werden mußte und zwischen denen auch das Hauen in den Hecken 
verboten war; die Bauern wiesen dies zurück, weil es von Manns-Gedenken her 
erlaubt gewesen und unmöglich einzugehen93. Dem Saarbrücker Oberforstmeister lag 
daran, daß nicht mehr jeder hauen konnte, wo und wann er wollte, wie es bislang 
vielfach geschehen war, sondern daß man künftig für alles seine Erlaubnis einholen 
müsse94. Dabei dehnte er, wie wir gehört haben, seinen Einfluß erstmals auf die 
Waldungen aus, die im Eigentum der Kommunen waren, und befahl, daß auch dort 
jegliche Anweisung von Holz, ob Bau-, Brenn- oder Zaunholz, nur noch mit seiner 
ausdrücklichen Genehmigung geschehen dürfe. Die waldbesitzenden Gemeinden 
wehrten sich gegen diesen Artikel mit dem Argument: Ist wider unser altes Herkom¬ 
89 Allgem. dazu Holenstein, Huldigung, S.377. 
9,1 Zu diesem altständischen Prinzip vgl. vor allem Kern, Recht u. Brunner, Land, bes. S.390ff. 
91 Zu den Begriffen der 'Grundfiguration' u. 'Konfliktlage' im Zusammenhang mit frühneuzeitlichen 
Protesten vgl. Blickle, Unruhen, S.102f, 
92 Vgl, die Spezifikationsliste der Landbeschwerden v. Februar 1729: LA SB 22/2309, S.21-29. 
93 Vgl. ebd., hier P.43 u.44 (zit. S.26). 
94 Vgl. ebd., z.B. P.34. 
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