Full text : Studien zur Geschichte der Grafen von Dagsburg-Egisheim

einerseits  und  dem  Oberlothringer  Herzog  mit  seinem  Anhang  andererseits
differenziert1185.
Neuerdings  hat  meines  Erachtens  George  Poull  den  Sachverhalt  auf  den  Punkt
gebracht,  wenn  er  folgendes  über  Theobalds  Verhalten  nach  der  Schlacht  von
Bouvines  lapidar  schreibt  und  dabei  auf  die  Zeugenschaft  des  Herzogs  in  der
Urkunde  Friedrichs  II.  vom  5.  September  1214  abzielt:  „II  change  rapidement  de
camp  quand  il  constate  qu'Othon  IV  est  vaincu“1186.  Wollte  der  Herzog  poliüsch
überleben,  so  war  ein  Seitenwechsel  vom  Verlierer  zum  Sieger  das  Gebot  der
Stunde.  Ein  rascher  Frontenwechsel  der  Fürsten  war  außerdem  in  dieser  Zeit  nichts
Ungewöhnliches,  gerade  wenn  man  sich  die  Ereignisse  im  deutschen  Thronstreit  ab
1198  vor  Augen  führt.  Man  denke  nur  an  die  häufigen  politischen  Wechsel  des
Landgrafen  von  Thüringen  oder  auch  an  Albert  II.  von  Dagsburg,  der  nach  seiner
militärischen  Niederlage  gegen  Philipp  von  Schwaben  von  diesem  gezwungen
wurde,  zur  staufischen  Anhängerschaft  überzuwechseln1187.
Andererseits  wird  König  Friedrich  II.  auch  klug  beraten  gewesen  sein,  nach  seinem
politischen  Sieg  erst  einmal  nicht  unversöhnlich  aufzutreten,  sondern  abwartend  zu
taktieren.  Er  konnte  es  sich  vorerst  politisch  und  militärisch  nicht  leisten,  massiv
gegen  die  ehemaligen  Anhänger  Ottos  IV.  unter  den  deutschen  Fürsten  vorzugehen,
sondern  es  war  im  Sinne  einer  schnellen  Konsolidierung  seiner  Herrschaft  im  Reich
nur  von  Vorteil,  den  Ausgleich  zu  suchen.
Hatten  die  durch  die  Heirat  mit  der  Dagsburger  Erbin  in  Herzog  Theobalds  Besitz
gelangten  Güter  das  Augenmerk  Theobalds  verstärkt  auf  den  elsässischen  Raum
gelenkt1188  und  dessen  Machtbasis  nicht  nur  in  Oberlothringen,  sondern  auch  im
Elsaß  beträchtlich  ausgeweitet,  indem  sie  ihm  Stützpunkte  im  Elsaß  und  die  Kontrolle
  von  wichtigen  Vogesenübergängen  einbrachten1189,  so  stellte  nun  zusätzlich
das  an  der  Straße  zwischen  Straßburg  und  Lothringen  gelegene  und  ehedem  von
König  Friedrich  II.  an  Theobalds  Vater  verpfändete  Rosheim  eine  weitere  wichtige
Verbindung  zum  Elsaß  dar1190.  Zum  Konflikt  kam  es,  als  der  König  die  verpfan-1185

  Die  besagte  Passage  lautet:
Territat  in  primis  nostri  confinia  regni
Othonis  socer  Henricus,  cui  mille  catervas
Exhibet  et  plures  Brabancio,  servor  alter
Quo  nusquam  est  populus  bello  aut  assuetior  armis.
Excitat  ex  alia  Lothoringos  parte  bilingues
Dux  suus,  aurivolis  replicantes  aera  signis.
Qui,  cum  simplicibus  soleant  sermonibus  uti,
Non  tarnen  in  factis  ita  delirare  videntur;
(Ex  Wilhelmi  Brittonis  Philipide,  MGH  SS  XXVI,  S.  355,  Vers  377-384).
1186  Poull,  La  Maison  ducale  de  Lorraine,  S.  59.
1187  Siehe  dazu  oben,  S.  307-310.
1188  Kienast,  Deutschland  und  Frankreich,  S.  570,  Anm.  1638;  vgl.  dazu  auch  oben,
S.  348.
1189  Herrmann,  Territoriale  Verbindungen,  S.  142  f.
119°  vg|.  Maier,  Stadt  und  Reichsfreiheit,  S.  82;  ebenso  Fhn,  StädtegrUndungen,  S.  43  f.,
Gumlich,  Beziehungen,  S.  15.

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