Full text : Studien zur Geschichte der Grafen von Dagsburg-Egisheim

im  Kontext  der  Schilderung  der  Okkupation  von  Lüders  durch  Eberhard  I.  ist,  dem
Grafen  einen  besonders  unchristlichen  Lebenswandel  zu  unterstellen,  da  er  ja  das
von  Deicolus  gegründete  Kloster  in  der  Vergangenheit  wirtschaftlich  extrem
ausgebeutet  hatte56.  Möglicherweise  war  vom  Verfasser  der  Vita  beabsichtigt,  eine
Parallelisierung  zum  Verhalten  Lothars  II.  herzustellen,  welcher  ebenfalls  seine  ihm
rechtmäßig  angetraute  Gemahlin  -  wegen  Waldrada  -  verstoßen  hatte.  Durch  die
tendenziöse  Schilderung  der  Ereignisse  in  der  Vita  sollte  die  gesamte  Sippe  Lothars
II. und  Waldradas  diskreditiert  werden.  Diese  Vermutung  erfährt  zusätzlich  noch
durch  die  Schilderung  von  Eberhards  Tod  in  der  Vita  eine  Bekräftigung,  die  sich
stark  an  die  des  Todes  des  biblischen  Herodes  anlehnt57.
Es  gibt  indes  noch  weitere  -  vor  allem  urkundliche  -  Quellenzeugnisse,  die  uns  den
Grafen  Eberhard  belegen.  Das  früheste  urkundliche  Zeugnis  für  Eberhard  I.  bildet
eine  im  Jahre  886  ausgestellte  Privaturkunde.  Ein  Graf  mit  Namen  Eberhard  wird
hier  in  der  Datumszeile  einer  in  Madiswil  im  Aargau58  ausgestellten  Urkunde  für
die  Abtei  St.  Gallen  genannt,  in  der  eine  gewisse  Aba  an  Abt  Bernhard  von  Sankt
Gallen  den  Zehnten  zu  Leimiswil  im  Aargau  gegen  fünf  Hufen  tauscht,  vier  zu  Rumendingen,
  eine  zu  Oesch59.  Dieser  Graf  ist  nach  den  Forschungen  von  Michael
Borgolte  höchstwahrscheinlich  mit  jenem  uns  in  der  Vita  S.  Deicoli  bezeugten
Stammvater  der  Familie  der  Grafen  von  Dagsburg-Egisheim  identisch60.

auseinander.  Während  z.  B.  F.  Prinz,  Frühes  Mönchtum  im  Frankenreich.  Kultur  und
Gesellschaft  in  Gallien,  den  Rheinlanden  und  Bayern  am  Beispiel  der  monastischen  Entwicklung
  (4.  bis  8.  Jahrhundert),  2.  Aufl.,  München  1988,  S.  282,  ihr  so  gut  wie  keinen
Wahrheitsgehalt  zubilligt,  nennt  sie  H.  Thomas,  Der  Mönch  Theoderich  von  Trier  und
die  Vita  Deicoli,  in:  Rhein,  Vjbll.  31,  1966/67,  S.  52,  „eine  unersetzbare  Quelle“;  vgl.
Büttner,  Geschichte  des  Elsaß  I,  S.  164.  Vollmer,  Etichonen,  S.  177  f.,  gesteht  der
Vita  S.  Deicoli,  zumindest  was  die  genealogischen  Angaben  betrifft,  durchaus  Glaubwürdigkeit
  zu.
56  Ex  Vita  S.  Deicoli,  MGH  SS  XV,2,  S.  677.
57  Ex  Vita  S,  Deicoli,  MGH  SS  XV,2,  S.  679:  Comes  vero  ipse  quali  morte  vitam  finierit,
propalare  exempli  causa  non  piget.  Audenter  dico  quae  personis  fidelibus  asserentibus
nos  se  me  luce  clarius  contigit.  Crederes  videlicet  ipsum  pene  triennio  Herodiana  peste
percussum,  qui  secundum  Actus  apostolorum  percussus  ab  angelo,  scatens  vermibus
expiravit.  Vermes  quippe  ita  sibi  a  vertice  usque  ad  talos  ebulliebant,  ut  frequentanei  eius
maximum  inde  putorem  tolerarent.  Sicque  miserabiliter  cum  Herode  vitam  miserabilem
finivit.  Nec  dubitandum,  quin  in  tormentis  aequalem  sortiatur  poenam,  cuius  in  omni
scelere  imitatus  est  vitcun.  Et  quia  beato  Deicolo  praeiudicaliter  hereditatem  suam  tulit  in
terris,  ipse  se  quodammodo  aeterna  hereditate  privavit  in  caelis\  zum  Tod  des  Herodes
vgl.  Actus  Apostolorum,  12,  21-23,
58  Zur  geographischen  Bestimmung  siehe  auch  B.  Stbttler,  Studien  zur  Geschichte  des
obern  Aareraums  im  Früh-  und  Hochmittelalter,  Thun  1964,  S.  131.
59  Urkunde  vom  14.  April  886,  abgedruckt  bei  H,  Wartmann,  Urkundenbuch  der  Abtei
Sanct  Gallen,  2.  Theil:  Jahr  840-920,  Zürich  1866,  Nr.  650,  S.  254  f.:  Notavi  die  jovis,
XVI11  kal.  mai.,  annum  VI  Kar  oli  imperatoris,  Eberhardum  comitem  (Zitat,  ebda.,  S.
255).
60  M,  Borgolte,  Die  Geschichte  der  Grafengewalt  im  Elsaß  von  Dagobert  I.  bis  Otto  dem
Großen,  in  :  ZGO  131  (NF  92),  1983,  S.  38.

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