Full text : Studien zur Geschichte der Grafen von Dagsburg-Egisheim

Prozeß  lassen  sich  durchaus  aus  der  politischen  Situation  gegen  Anfang  der
fünfziger  Jahre  des  10.  Jahrhunderts  erkennen.  Eines  läßt  sich  mit  Sicherheit
feststellen:  Es  handelte  sich  um  einen  sogenannten  'politischen  Prozeß',  wie  die
Forschung  einmütig  betont126.  Wir  müssen  also  fragen,  wo  sich  die  politischen
Interessen  zwischen  Otto  und  Guntram  kreuzten.  Solche  Kreuzungslinien  lassen
sich  im  geopolitischen  Bereich  ausmachen.  Neben  dem  elsässischen  Nordgau  waren
es  in  der  ersten  Hälfte  des  10.  Jahrhunderts  vor  allem  die  Burgundische  Pforte  und
der  Oberrhein,  die  die  politischen  Einflußgebiete  der  Eberhardiner  bildeten.  Gerade
der  politische  Einfluß  der  Eberhardiner  in  den  letztgenannten  beiden  Gebieten  läßt
eine  Interessenkollision  mit  Ottos  I.  Burgundpolitik  erkennen.  Diese  ist  hinreichend
bekannt,  es  sollen  lediglich  die  für  unseren  Zusammenhang  relevanten  Fakten  kurz
skizziert  werden.  Otto  I.  hatte  schon  frühzeitig  Interesse  an  Burgund  gezeigt.  So
nahm  er  den  burgundisehen  Königssohn  Konrad  an  seinem  Hof  auf,  um  wohl  auch
in  Gegnerschaft  zu  Hugo  von  Italien  seine  lehensrechtlichen  Ansprüche  gegenüber
Burgund  zu  sichern127.  Als  Adelheid,  die  Schwester  jenes  Konrads  und  Witwe  von
Lothar,  Sohn  Hugos  von  Italien,  von  dem  Markgrafen  Berengar  von  Ivrea  ge*
fangengenommen  wurde  und  sie  Otto  zu  Hilfe  rief,  sah  Otto  die  Gelegenheit  zu
einem  Eingreifen  in  Italien  gekommen128.  Wie  bekannt,  heiratete  Otto  schließlich
Adelheid129.  Das  Gebiet  am  Oberrhein  und  die  Burgundische  Pforte,  das  bisher  für
den  König  unzugänglich  gewesen  war130,  bekam  für  Otto  I.  als  Durchgangsgebiet
nach  Burgund  und  nach  Italien  strategische  Bedeutung.  Hierin  scheint  der  tiefere
Grund  für  den  Konflikt  zwischen  Otto  I.  und  Guntram  zu  liegen.  In  diese  Richtung
geht  auch  die  Interpretation  der  Vorgänge  um  Guntram  durch  Heinrich  Büttner,  der
ein  wesentliches  Motiv  für  Otto,  Guntram  auszuschalten,  darin  sieht,  daß  Otto  I.  die
Machtverhältnisse  im  Elsaß  zugunsten  des  ihm  verwandten  burgundischen
Königshauses  habe  verschieben  wollen131.  Auch  Hagen  Keller  sieht  den  Prozeß
gegen  Guntram  politisch  motiviert  und  wertet  ihn  in  der  Folge  von  Ottos  Interesse
an  Burgund  als  eine  Maßnahme  im  Zuge  der  Durchsetzung  der  Herrschaft  Ottos  I.
im  Elsaß.  Guntrams  Familie  habe  hier  unter  Umgehung  der  Rechte  des  Königs

126  So  z.  B.  Büttner,  Geschichte  des  Elsaß  I,  S.  160,  wenn  er  schreibt:  „Solche  Prozesse
wegen  Hochverrat  waren  unter  Ottos  I.  Regierung  nichts  Seltenes,  sie  scheinen  vielmehr
  ein  beliebtes  Mittel  gewesen  zu  sein,  um  politische  Zwecke  zu  erreichen“;
Keller,  Einsiedeln,  S.  98  f.,  sieht  einen  Zusammenhang  zwischen  dem  politischen
Prozeß  gegen  den  Einsiedler  Mönch  Adam  und  dem  Prozeß  gegen  Guntram;  Zotz,
König  Otto  I,,  S.  65;  bei  Köpke  u.  Dümmler,  Otto  der  Große,  S.  207,  findet  keine
Wertung  des  Geschehens  statt,  sondern  es  wird  nur  die  Tatsache  des  Prozesses  erwähnt.
A.  Kräh,  Absetzungsverfahren  als  Spiegelbild  von  Königsmacht,  Untersuchungen  zum
Kräfteverhältnis  zwischen  Königtum  und  Adel  im  Karolingerreich  und  seinen  Nachfolgestaaten,
  Aalen  1987,  S.  274  ff.,  vermutet  -  mit  Büttner  -  Verweigerung  der  Herausgabe
von  Königsgut,  das  Otto  zur  Sicherung  der  Straßen  nach  Burgund  und  Italien  benötigte.
127  Siehe  dazu  Hlawitschka,  Frankenreich,  S.  119.
128  Siehe  ebda.,  S.  119  f.
129  Siehe  Böhmer-Ottenthal,  Nr.  201a,  S.  95  f.
130  Siehe  Zotz,  Breisgau,  S.  26.
131  Büttner,  Geschichte  des  Elsaß  I,  S.  161.  Büttner  verweist  auf  die  Vergabe  der
Reichsabtei  Erstein  an  Ottos  Schwiegermutter  Bertha.  Siehe  dazu  die  Continuatio
Reginonis,  ad  953,  S.  166;  Regest  bei  Böhmer-Ottenthal,  Nr.  225a.

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