Äbtissin von Neuss wird lediglich als Verwandte des Papstes bezeichnet, auch ihr
Name wird nicht genannt. Fragen wir nach dem Wahrscheinlichkeitsgehalt dieser
Nachricht. Es ist durchaus möglich, daß eine Verwandte von Leo IX. Reliquien des
Hl. Quirin von ihm erhalten und die Stücke an das Priorat weitergegeben hat. Eine
solche Reliquienübergabe paßt zu der Politik des Papstes. Auch daß eine Verwandte
von ihm quasi die Vermittlerrolle übernommen hat, ist nicht abwegig. Doch könnte
der Fall genausogut umgekehrt liegen. Weil die Reliquien Vergabepraxis Leos IX. -
gerade an geistliche Institutionen nördlich der Alpen - hinreichend bekannt war,
könnte man in späterer Zeit den Rückschluß gezogen haben, auch St, Quirin hätte
die Quirinsreliquien durch Vermittlung dieses Papstes bekommen.
Sehen wir uns die Neusser Quellen zu Gepa und der angeblichen Reliquientranslation
an. Die frühe Überlieferung zu dem Stift St. Quirin in Neuss weiß nichts
von einer solchen Reliquienüberführung durch Gepa in das oberlothringische
Priorat816. Wir erfahren darüber durch einen Eintrag zum 11. Februar, dem
angeblichen Todestag Gepas, im Neusser Totenbuch von 1421. Dieser Vorgang
wird dort ohne jede Zeitangabe wiedergegeben, so daß man keinen Anhaltspunkt
diesbezüglich hat817. Nach den Forschungen von Raymund Kottje reicht die
Quirinusverehrung in der Neusser Gegend günstigstenfalls bis ins Jahr 965 zurück,
und er zieht den vorsichtigen Schluß, daß Gepa möglicherweise um die Mitte des
10. Jahrhunderts gelebt hat, da die Reliquientranslation fest an ihre Person
gebunden ist818. Für unser Problem heißt das, daß Gepa demnach keine Schwester
Leos IX. gewesen sein kann, da sie höchstwahrscheinlich zwei Generationen vor
ihm gelebt hat. Allerdings würde der von Kottje für das Leben Gepas festgestellte
Zeitraum von der Mitte des 10. Jahrhunderts zeitlich gut mit der angeblich um 966
erfolgten Stiftung des Priorats St. Quirin in Oberlothringen durch den Großvater
Leos IX., Graf Ludwig von Dagsburg, zu kombinieren sein. So könnte das
Quirinspatrozinium möglicherweise wirklich durch eine Reliquienübergabe einer
Neusser Äbtissin, vielleicht mit Namen Gepa, um 966 an das oberlothringische
Priorat gekommen sein. Eine Schwester Leos IX. war Gepa jedenfalls nicht819.
Tuta von Egisheim
Eine Tuta von Egisheim soll die Gemahlin Manegolds von Werth, des Stifters des
Klosters Heiligkreuz zu Donauwörth, gewesen sein. Die These, daß Tuta dem
Geschlecht der Egisheimer Grafen entstamme, findet sich in der 1958 erschienenen
honneur les reliques de Sl. Quirin, qui y Jurent déposées par une abbesse de Niss, qui les
avoit reçues du Pape Léon IX son parant.
816 Zur frühen Überlieferung bezüglich des Stiftes St. Quirin in Neuss siehe Kottje, Stift
St. Quirin, bes. S. 18-25.
817 W. Levison, Das Totenbuch des Neußer St, Quirinus-Stiftes in London, in: AHVNRh
116, 1930, S. 138: Obiit Gepa abbatissa monasterii sti. Quirini Nuss, que de gratia dei
et sedis apostolicae de Roma in dictum monasterium secum detulit reliquias sti. Quirini
quae dicitur sepulta subtus campanas eiusdem monasterii.
818 Kottje, Stift St. Quirin, S. 24 f.
819 Brucker, Saint Léon IX., 1. Bd., S. 341, schließt eine Verwechslung der Gepa mit
Gerberga, der Äbtissin von Hesse, nicht aus.
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