Gertrud von Dagsburg, die Tochter Alberts II.
Keinen Zweifel kann es dagegen an der Existenz von Alberts II. Tochter Gertrud
geben. Sie ist uns durch viele Quellenzeugnisse wohlbekannt, auch spielt sie bis zu
ihrem frühen Tod im Alter von knapp neunzehn Jahren durch ihren Reichtum und
ihre drei Eheschließungen in den territorialpolitisehen Aktivitäten einzelner
Dynasten im Westen des Reiches eine wichtige Rolle718.
Über den Zeitpunkt ihrer Geburt herrscht in der Forschung Uneinigkeit. Die
Angaben in der Literatur zum Geburtsdatum Gertruds schwanken, obwohl wir
durch den zuverlässigen Reiner von Lüttich in seinen Annalen eine genaue Angabe
zu ihrem Geburtsjahr besitzen. So berichtet Reiner zum Jahr 1206, daß dem Grafen
Albert von Dagsburg eine Tochter geboren wurde, was die Hoffnungen von Herzog
Heinrich von Brabant und von Bischof Hugo von Lüttich auf das reiche
dagsburgische Erbe zunichte machte719. Die ältere Forschung hatte noch das
Geburtsdatum der Gertrud um 1190 angenommen720, möglicherweise durch die
drei Eheschließungen Gertruds zu der Annahme verleitet, sie müsse bei ihrem Tode
1225 wesentlich älter als 19 Jahre gewesen sein. Diese Anschauung ist aber in der
neueren Forschung, soweit ich sehe, nicht mehr vertreten worden. Doch es ist auch
in jüngerer Zeit das von Reiner von Lüttich mit 1206 angegebene Geburtsjahr
Gertruds nicht so recht akzeptiert worden, zum Beispiel nimmt Michel Parisse als
Geburtsjahr der Gertrud das Jahr 1204 an721. Er modifiziert indes seine Meinung in
seinem 1982 erschienenen Buch über den lothringischen Adel dahingehend, daß er
für Gertruds Geburt den Zeitraum zwischen 1204 und 1206 angibt722, wobei er in
der entsprechenden Fußnote einschränkend hinzufügt: „En 1204, Albert II.
n'a assurément pas d'enfant“723. Michel Bur - auch er beachtet die Angabe bei
Reiner von Lüttich nicht - setzt die Geburt der Gertrud in das Jahr 1205724. Sowohl
Michel Parisse als auch Michel Bur geben keine Auskünfte, auf welchen Quellen
ihre diesbezüglichen Aussagen beruhen. Es ist möglich, daß das frühe Datum der
Verlobung Gertruds - sie erfolgte noch im September 1206, also innerhalb des von
Reiner angegebenen Geburtsjahres725 - in der Forschung Irritationen ausgelöst hat.
Das schnelle Handeln von Gertruds Vater hinsichtlich ihrer Verlobung - und damit
ihrer Versorgung - scheint gerade bei dem schon fortgeschrittenen Alter, in dem
sich Albert II. im Jahre 1206 bereits befand, durchaus plausibel und verständlich726.
Von dem bei Reiner von Lüttich angegebenen Geburtszeitpunkt ist also grund¬718
Siehe dazu unten das Kap. 'Gertrud von Dagsburg'.
719 Reinen annales, MGH SS XVI, S. 660: Nata est etiam filia comiti Alberto, quae omnem
sperrt de Musal abstulit Leodiensi episcopo et duci Brabantino.
720 Siehe z. B. E. Winkelmann, Kaiser Friedrich II., 1. Bd., Leipzig 1889, S. 48, der
behauptet, daß Gertrud zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung mit Graf Theobald IV. von
der Champagne im Jahre 1220 etwa dreißigjährig gewesen sei.
721 Parisse, Albert, comte de Dabo, S. 162.
722 Parisse, Noblesse et chevalene, S. 94.
723 Ebda, Anm. 13.
724 Bur, Les relations, S. 76 u. Anm. 4.
725 Urkunde, abgedruckt bei Dieterlen, Le fonds lorrain, Nr. 2, S. 47; Regest bei
Duvernoy, Catalogue, Nr. 221, S. 151 f.
726 Siehe dazu unten das Kap. 'Der Ehekontrakt'.
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