Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Unterschiede im Leistungsniveau 
Gerade im Vergleich zu den Verhältnissen in der Bizone führte im Saarland die Verein¬ 
heitlichung in der Sozialversicherung nicht zu spürbaren Leistungsreduktionen gegen¬ 
über den bisherigen Versicherungsträgern. Die erwarteten geringeren Leistungen als 
Folge einer Vereinheitlichung und Zentralisierung der Sozialversicherung waren vor 
allem in der Bizone einer der Gründe dafür, daß Sozialdemokratie und Gewerkschaf¬ 
ten, obwohl sie anfangs die Reformpläne mitgetragen und auch mitgestaltet hatten, aus 
Enttäuschung über das niedrige Leistungsniveau von der Zentralisierung abrückten. 
Hinzu kam der Druck der Basis, Betriebs- und Ersatzkrankenkassen wieder zuzulassen. 
Im Saarland war die Zentralisierung im Bereich der Krankenversicherung mit einer 
Verordnung über Mehrleistungen in der Krankenversicherung gekoppelt worden, so 
daß Leistungseinbußen vermieden wurden. Dies dürfte ein wesentlicher Grund dafür 
gewesen sein, daß die Reform bei der Mehrheit der Versicherten Zustimmung fand.286 
Unterschiede in der Verwaltungsstruktur 
Im Saarland fehlte eine Elite von Ministerialbeamten, insbesondere des früheren 
Reichsarbeitsministeriums, die andernorts nach 1945 wieder in Verwaltungsstrukturen 
hineinwuchsen, in denen sie als alte Fachelite erneut wirken konnten. Ihre Vertreter 
waren Exponenten des gegliederten deutschen Sozialversicherungssystems. Sie plä¬ 
dierten für die Vielfalt der Versicherungsträger. Gerade Angehörige dieser Gruppe wie 
Andreas Grieser oder Johannes Krohn waren es, die sich gegen die Vereinheitlichung 
wehrten und in dem Bewußtsein handelten, die deutsche Sozialversicherung sei ein 
"Denkmal, dauernder als Erz".287 
Fehlen einer mittelständisch orientierten Ersatzkassenlobby 
Im Saarland fehlte im Gegensatz zu den Verhältnissen in den übrigen deutschen 
Ländern eine starke Ersatzkassenlobby mit Repräsentation in den politischen Gremien. 
Für die Revision der Sozialversicherungsreform in der französischen Zone wie in der 
Bizone spielte diese Gruppe eine entscheidende Rolle. In diesem Zusammenhang ist 
Hier ist vor allem auf den Kontrollratsentwurf hinzuweisen, zu dem die Länderchefs keinen 
einstimmigen Beschluß fassen konnten, siehe: Hockerts, Sozialpolitische Entscheidungen, S.25, 32-34, 
74-76. Siehe Verordnung Nr.3 über Mehrleistungen in der Krankenversicherung vom 1.7.47, in: Abi.1947, 
S.241. 
Hockerts, Sozialpolitische Entscheidungen, S.33, 47-53. 
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