Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft (28)

4.4 Das Streben nach gesellschaftlicher Akzeptanz 
Die Durchführung der saarländischen Sozialversicherungsreform vom Juni 1947 ist 
durch das Bemühen um einen breiten gesellschaftlichen Konsens gekennzeichnet. 
Sowohl die Umstände bei der Auflösung der Sonderkassen als auch die mit der Struk¬ 
turreform gekoppelte Leistungserhöhung verdeutlichen das Ringen um eine gesell¬ 
schaftliche Akzeptanz. 
Von der Auflösung der Betriebs-, Innungs- und Ersatzkassen waren nicht nur die 
Versicherten, sondern auch das Personal betroffen. Die Versicherten interessierte, ob 
die Überführung in die LVA mit Leistungsverlusten verbunden sein würde und für die 
Beschäftigten der Sonderkassen stellte sich die Frage nach ihrer beruflichen Zukunft. 
Sozialverträgliche Auflösung der Sonderkassen 
Bei der Auflösung der Sonderkassen war Baden Vorbild. Die saarländischen Stellen 
orienüerten sich dabei von sich aus bereits Anfang 1947 an den entsprechenden Rund¬ 
schreiben des Verbandes der Ortskrankenkassen in Lahr, die vom Leiter der Orts¬ 
krankenkasse für die Stadt Saarbrücken Richard Schmidt gesammelt und an die Ver¬ 
waltungskommission weitergeleitet wurden.159 
Dennoch muß im Vergleich zu Baden auf einen wichtigen Unterschied hingewiesen 
werden. Im Saarland wurde der Paragraph 212 der RVO berücksichtigt, das bedeutete, 
daß bei schwebenden Versicherungsfällen die Leistungen der aufzulösenden Kasse 
weitergelten sollten. Dieser Unterschied ist möglicherweise auf die Warnungen der 
Betriebskrankenkassen vor Unruhen unter ihren Versicherten zurückzuführen. Immer¬ 
hin hatten die Betriebskrankenkassen darauf hingewiesen, daß ihre jeweiligen Leistun¬ 
gen für ihre Versicherten, die zum Zeitpunkt der Auflösung der Versicherung arbeits¬ 
unfähig waren, erhalten werden sollten. In einer Besprechung mit den Betriebskranken¬ 
kassen wurde dies von Seiten der Verwaltungskommission zunächst abgelehnt, fand 
jedoch dann in Paragraph 15 der Verordnung Nr.2 betreffend die Übernahme der 
aufgelösten Versicherungsträger durch die LVA vom 26. Juni 1947 Berücksichti¬ 
gung.160 Das bedeutete, daß in schwebenden Versicherungsfällen durch die Auflösung 
von Sonderkassen die Betroffenen keine Leistungseinschnitte hinnehmen mußten. 
Hier deutet sich das Bemühen an, die Überführung der bestehenden Versicherungs¬ 
träger in die LVA so sozial verträglich wie möglich zu gestalten, insbesondere in 
schwebenden Verfahren. Dies galt auch für das Personal der aufgelösten Versiche¬ 
rungsträger. Ende 1946 arbeiteten neben den 316 Beschäftigten der Ortskrankenkassen 
im Saarland 53 Angestellte bei den Ersatz- und Innungskrankenkassen und 72 bei den 
159 
Ebd., MifAS, Bü.26, R. Schmidt an C. Dierks vom 19.2.47 mit Anlage, Rundschreiben des Verbandes 
der Ortskrankenkasse Lahr zur technischen Umsetzung der Militärregierung zur Auflösung der Betriebs¬ 
und Ersatzkassen, Rundschreiben Nr. 10/11/12/19/und 25/1946. 
160 Ebd., Verband der saarländischen BKK an die Mitglieder der VWK für Arbeit vom 12.2.47. 
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