Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Stimmung und dem Bewußtsein weiter Teile der Bevölkerung. Die Öffentlichkeit 
erwartete, daß auch die Opfer des Nationalsozialismus in dieser Frage Farbe bekennen 
sollten. So betonte auch der Generalsekretär des BVN-Saar gegenüber Hoffmann, die 
nichtkommunistischen Mitglieder seien aus der VVN ausgetreten, weil bisher eine 
Stellungnahme gegen Bolschewismus und Terror nicht möglich gewesen sei.443 Für 
viele saarländische Familien stellte sich zunächst einmal die Frage nach dem Schicksal 
ihres Ernährers, von dem seit Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft, jede Nach¬ 
richt fehlte. Die Empörung über diese Tatsache förderte bei der Bevölkerungsmehrheit 
die ohnehin vorhandene Tendenz, die Singularität des Genozids des "Dritten Reiches" 
zu verdrängen. 
5. Resümee 
Die kollektive Erinnerung an den "sozialen Besitzstand" hält einer kritischen Prüfung 
stand. Die Leistungen in der Familienpolitik, die Höhe der Kriegsopferrenten wie auch 
die Anzahl der Feiertage waren wesentlich höher als in der Bundesrepublik, hinzu 
kamen spürbare Vorteile in der Rentenversicherung hinsichtlich der Gleichstellung von 
Arbeitern und Angestellten. 
Dennoch konnten die Saarländer ihren "sozialen Besitzstand" nach dem Beitritt zur 
Bundesrepublik nicht bewahren. Die saarländische Familienpolitik konnte zwar als 
Impuls auf diebundesdeutsche Kindergelddiskussion wirken. Das vergebliche Ringen 
um die Erhaltung der Familienzulagen verdeutlicht aber, daß Interaktionen an der 
politischen Dominanz der Bundesrepublik während des Beitrittsprozesses scheiterten. 
Bonn befürchtete eine Föderalisierung der Sozialgesetzgebung, wenn saarländische 
Sonderregelungen toleriert würden. Zum anderen mißfiel die Verhandlungsstrategie 
der Saarländer, eine Anpassung an bundesdeutsches Recht nur zu akzeptieren, wenn sie 
gegenüber bisherigen Regelungen vorteilhaft war. Diese von einem Bonner Ministeri- 
albeamten als ’’Rosinentheorie" bezeichnete Strategie wurde grundsätzlich abgelehnt. 
Vor allem aber formierte sich eine einflußreiche Koalition aus dem Wirtschaftsflügel 
innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Bundeswirtschaftsminister Ludwig 
Erhard und der deutschen Industrie gegen die Versuche des Familienministers und der 
Familien verbände, das Saarland zum Vorbild für eine Neuregelung des bundesdeut¬ 
schen Familienlastenausgleichs zu nehmen. 
Das höhere soziale Leistungsniveau des Saarlandes wurde ganz wesentlich durch die 
Sondersituation des Landes begünstigt. Die Sozialpolitik wurde politisch instrumentali¬ 
siert, um die autonome Saar zu stabilisieren und eine fortschrittliche Sozialpolitik zu 
ihrem Markenzeichen zu erheben, wie beispielsweise das Werben der CVP mit der 
günstigeren saarländischen Kriegsopferversorgung verdeutlicht. 
443 
LA SB, Stk, Nr.3204, BVN-Saar an Hoffmann vom 12.2.51. 
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