Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Hoffmanns Bemühen, die Wiedergutmachung ohne gesellschaftliche Friktionen zu 
erreichen, ist auch biographisch zu deuten. Das Streben des überzeugten Katholiken, 
Polarisierung zwischen Opfern des Nationalsozialismus und der übrigen Bevölkerung 
zu vermeiden, entspricht in gewisser Hinsicht auch dem Solidaritätsprinzip im katho¬ 
lischen Sozialdenken, das grundsätzlich Konfrontationen vermeiden und einen Aus¬ 
gleich von Gruppeninteressen erreichen will.436 
4.5.3 Außenpolitik und Wiedergutmachung 
Wiedergutmachung und Westintegration 
Im Vergleich zur Bundesrepublik spielte sich die saarländische Wiedergutmachungs¬ 
politik in ganz anderen Dimensionen und in viel engeren Koordinaten ab. 
Die bundesdeutsche Wiedergutmachung war in den Kontext der Westintegration 
eingeordnet. Die Aussöhnung mit Israel und die Wiedererlangung der Souveränität 
standen in einem Kausalzusammenhang mit der Wiedergutmachungspolitik. Dieser 
Zusammenhang wird im Luxemburger Abkommen und im Deutschlandvertrag deut¬ 
lich, wie Gotthard Jasper aufgezeigt hat. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die Wieder¬ 
gutmachung, insbesondere in der Frage der Rückerstattung- und Entschädigungs¬ 
gesetzgebung, eine notwendige Voraussetzung für die Westintegration bildete.437 Die 
Wiedergutmachungszahlungen an Israel verbesserten das internationale Ansehen der 
jungen Bonner Republik.438 
Außenpolitische Aspekte wirkten auch auf die österreichische Wiedergutmachungs¬ 
diskussion. Brigitte Bailer stellt fest, daß die Mehrheit der ohnehin bescheidenen 
Maßnahmen aus Sorge um den guten Ruf Österreichs im Ausland erfolgt sei. Die 
insgesamt geringen Wiedergutmachungsanstrengungen der Alpenrepublik kamen nur 
unter der katalytischen Wirkung außenpolitischer Umstände zustande, wobei das 
US-State Departement Druck ausgeübt hatte.439 
Zusammenfassend kann man feststellen, daß aus politischen Gründen zur Stabilisie¬ 
rung der politischen Situation an der Saar eine recht großzügige Kriegsopferversor- 
gung gewährt worden ist. Die Weichen für eine im Vergleich zu den anderen Zonen 
und Ländern überdurchschnittliche Versorgung wurden durch die Kriegsopferpolitik 
der französische Militärregierung bereits Ende 1945 gestellt. 
Vgl. dazu: Alfred Klose, Sozialpartnerschaft im katholischen Sozialdenken, in: Gerald Stourzh und 
Margarete Grandner (Hrsg.), Historische Wurzeln der Sozialpartnerschaft, München 1986, S.53-55. 
437 
Gotthard Jasper, Wiedergutmachung und Westintegration. Die halbherzige justizielle Aufarbeitung 
der NS-Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik, in: Ludolf Herbst (Hrsg.), Westdeutschland 
1945-1955, München 1986, S.198. 
438 W o 1 f f s o h n, Das Wiedergutmachungsabkommen, S.218. 
439 B a i 1 e r, Wiedergutmachung kein Thema, S.57-59, 277. 
276
	        
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