Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

Zwischen Remigranten und Dagebliebenen bestand eine Mauer, man kann sogar von 
einer Spaltung der Gesellschaft sprechen, wie folgende Beispiele veranschaulichen. 
Als der spätere CVP-Politiker Jakob Feiler aus dem Krieg nach Hause gekommen war, 
wollte ihn ein aktiver Sozialdemokrat vor Ort für die Sozialdemokratie gewinnen. 
Obwohl er sozialdemokratischen Positionen damals gar nicht so abgeneigt gewesen sei, 
erinnerter sich, hätte er in der SPS wegen ihres Emigrantencharakters keine politische 
Heimat finden können.416 
Zwischen beiden Gruppen bestand ein Entfremdungspotential, das immerhin so groß 
war, daß es subjektiv bei manchen Emigranten wie Heinrich Wacker zu Bedrohungs¬ 
gefühlen führen konnte. "Oft habe ich den Eindruck, daß die zurückliegenden 12 Jahre 
mit all den Enttäuschungen, der Not und dem Elend spurlos an diesen Menschen 
vorübergegangen sind (...), lieber Emil, und du stehst dann an führender Stelle, arbei¬ 
test wie ein Verrückter von früh bis spät, hörst Dir all das Elend, den Jammer, die 
Sorgen an, läufst von Tür zu Tür. (...) Eines steht fest, daß wenn morgen die Besat¬ 
zungsmacht abziehen würde, wir übermorgen am Baum hängen würden."417 
Für eine geringe gesellschaftliche Reputation der Opfer des Nationalsozialismus, 
gerade im Vergleich zu den Kriegsopfern, ist auch ein Fall aus Merzig-Hilbringen 
bezeichnend. Streitpunkt war die Frage, wer in diesem Ort einen Tabakladen betreiben 
durfte, wobei zwei Kandidaten, ein Kriegsopfer und ein Opfer des Nationalsozialismus 
zur Wahl standen. In einer Kommissionssitzung, die darüber zu befinden hatte, prote¬ 
stierte der CVP-Abgeordnete Emil Weiten gegen die Entscheidung, einem anerkannten 
Opfer des Nationalsozialismus den Vorzug zu geben, mit der lapidaren Begründung, 
daß "(...) die Bevölkerung von Merzig-Hilbringen den Schwerbeschädigten und O.d.N. 
(...) als Tabakwarenhändler ablehne."418 
In diesem Kontext ist auch ein Blick auf die Einstellung der Bevölkerung zum Wider¬ 
stand aufschlußreich. Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema 
Widerstand, sei es in Form einer publizistischen oder politischen Diskussion oder eines 
von Kirchen oder Parteien geführten Diskurses, scheint es im Saarland zur Hoff- 
mann-Zeit genauso wenig gegeben zu haben wie in der Bundesrepublik. Dies ist ein 
weiterer Indikator für die psychologische Befindlichkeit der saarländischen Bevölke¬ 
rung. Sie zeigt die fehlenden psychologischen Voraussetzungen der Bevölkerungs¬ 
mehrheit, eine weitergehende Wiedergutmachung zu akzeptieren. 
416 Interview mit Jakob Feiler am 13.3.1993. 
41 StA SB, NL Emile Schüler, Nr.9, Heinrich Wacker an Emile Schüler vom 14.8.46. 
418 LA SB, StK/KR/MAW/1949/T-l, Minister Kim an Regierung des Saarlandes vom 7.1.49. 
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