Full text: Sozialer Besitzstand und gescheiterte Sozialpartnerschaft

baratag als bezahlter Feiertag paßte in eine durch Bergbau und Katholizismus domi¬ 
nierte Region. Nicht zuletzt deshalb hatten sich die CVP und Ministerpräsident Hoff- 
mann für die Bezahlung dieses Feiertages eingesetzt. Trotz der Wirtschaftsunion 
entwickelten sich erhebliche Divergenzen zu Frankreich, denn im Saarland gab es fünf 
bezahlte Feiertage mehr als in Frankreich. Hinzu kam, daß viele Saarländer sich selbst 
zusätzliche Feiertage an Fasching genehmigten, die Absentismusrate in dieser Zeit war 
besonders hoch. Viele Saarländer fehlten systematisch, um Fasching zu feiern.12 Hier 
deutet sich eine Identifikation und Bewahrung kultureller Traditionen an, die in einer 
Einzelstudie in ihrem Ausmaß und ihrer Motivation analysiert werden sollten. Die 
Feiertagsregelung zeigt sehr deutlich, daß das Saarland aus seiner Sondersituation 
sozialpolitischen Vorteil sowohl gegenüber Frankreich als auch gegenüber der Bundes¬ 
republik ziehen konnte. 
Bisher gültige Regelungen blieben erhalten und vorteilhafte Veränderungen in Frank¬ 
reich wurden von den Saarparteien aufgegriffen und im Saarland eingeführt.13 Die 
Ursache dafür lag in den Herrschafts Strukturen. Wirtschaftspolitisch war der Gestal¬ 
tungsspielraum für die saarländische Landesregierung begrenzt, nicht zuletzt deshalb 
nahm sie auf ökonomische Fragen auch weniger Rücksicht.14 Das Saarland lag mit 12 
Feiertagen im Vergleich mit den deutschen Ländern, in denen es zwischen 10 und 13 
Feiertagen gab, mit an der Spitze. Entscheidend waren dabei die Lohnregelungen. So 
gab es seit 1950 im Saarland für Feiertagsarbeit einen Zuschlag von 100 Prozent.15 Die 
Bundesrepublik zeigte aufgrund tarifvertraglicher Regelungen ein heterogeneres Bild. 
Im Gegensatz zu ihr waren die an Feiertagen gezahlten Lohnzulagen im Saarland nicht 
nur frei von Sozialversicherungsabgaben, sondern auf sie wurde auch keine höhere 
Lohnsteuer erhoben.16 
Exkurs: ''Hausfrauentag" und katholische Gesellschaftspolitik 
Die Diskussion um den Hausfrauentag veranschaulicht nochmals die Tendenz der 
Saarparteien, sich unabhängig von der Wirtschaftsunion an der sozialpolitischen 
Entwicklung in Deutschland zu orientieren, wenn dies vorteilhaft war. Die SPS forder¬ 
12 
Ebd. und MAE Paris, EU-Europe, Sous S. Sarre, Doss. 252, B1.28, Niederschrift zur Grubenratssitzung 
vom 8.1.53. 
13 MAE Nantes, M.J./Q.S., J I 1, Gesetzentwurf LTS DS 11/959 vom 22.8.52 analog zumfranz. Gesetz Nr. 
51349 vom 20. und 22.3.51. 
14 Armin H e i n e n, Zur französischen Wirtschaftspolitik an der Saar, in: Rainer Hudemann und Raymond 
Poidevin (Hrsg.), Die Saar 1945-1955. Ein Problem der europäischen Geschichte, München 1992, S.169. 
15 Gesetz über die Bezahlung der gesetzlichen Feiertage im Saarland vom 4.4.50, in: Abi.1950, S.743. 
Gesetz vom 16.5.50, in: Ebd., S.744. Gesetz Nr.496 zur Regelung von Lohnzulagen an Feiertagen vom 
23.3.56. Gesetz Nr.522 zur Änderung des Gesetzes Nr.496 zur Regelung von Lohnzulagen an Feiertagen 
vom 23.3.56 vom 9.7.56, in: Abl.1956, S.1065. 
16 Bundesarchiv Koblenz (BA KO), Bundesministerium für Arbeit (B 149), Nr.3689, Vorläufige rechtsver¬ 
gleichende Gegenüberstellung vom 20,11.56. 
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