Full text: Lotharingia

ist zweitens der Gedanke der Primogenitur: Zeugnisse dafür gibt es - freilich nicht allzu 
häufig - seit Jahrhunderten.57 Jetzt verfestigen sich diese Vorstellungen, verbinden sich in 
entscheidender Weise mit dem Gedanken der Individualsukzession, und diese Kombination 
geht auf den gleichwohl noch langen Marsch, der zum Siegeszug in Europa wird. Von den 
frühen Phasen dieser Entwicklung profitierten die großen Königreiche rechts und links des 
Rheins, nicht aber das lotharingische Zwischenreich. Dennoch liegt aus seiner unmittel¬ 
baren Nachbarschaft ein sehr interessantes Zeugnis vor, das von einer überaus wirksamen 
Ausprägung der Idee von der Individualsukzession spricht. Die betreffenden Angaben 
Lamperts von Hersfeld sind in ihrer historischen Glaubwürdigkeit nicht unbestritten,58 doch 
kommt es in unserem Zusammenhang nicht so entscheidend auf die Korrektheit der 
Einzelangaben an. Das gilt im Prinzip auch für die knifflige Frage, ob Lamperts Angaben 
ihm selbst zuzuschreiben sind, ob er sie einer sonst fremden Vorlage entnommen hat oder 
ob der entsprechende Passus ggf. sogar nachträglich interpoliert worden ist.59 Ganz sicher 
handelt es sich jedoch um kein reines Phantasieprodukt, sondern die Erzählung scheint ein 
Rechtsdenken zu spiegeln, das zwar vorerst noch singulär überliefert ist, aber doch minde¬ 
stens mit Möglichkeiten der Zeit operierte, die als realisierbar eingeschätzt wurden. Auf 
solche Rahmenvorstellungen kommt es hier an. So berichtet Lampert, der Annalist des 
Investiturstreits, zum Jahre 1071 von Vorgängen in Flandern: „In der Grafschaft Balduins 
und in seiner Familie war es schon seit Jahrhunderten ein gewissermaßen durch ein ewiges 
Gesetz geheiligter Brauch, daß einer der Söhne, der dem Vater am besten gefiel, den 
Namen des Vaters erhielt und allein die Würde eines Fürsten von ganz Flandern erbte, die 
übrigen Söhne aber entweder ihm untertan und seinen Befehlen gehorchend ein rühmloses 
Leben führten oder außer Landes gingen und es lieber durch eigene Taten zu etwas zu brin¬ 
gen versuchten, als sich in Müßiggang und Stumpfheit über ihre Dürftigkeit mit eitlem Stolz 
auf ihre Vorfahren hinwegzutrösten. Das geschah, damit nicht durch Aufteilung der Provinz 
der Glanz jenes Geschlechts durch Mangel an Vermögen getrübt werde".60 
Nach diesem „durch ein ewiges Gesetz geheiligtem Brauch" erhielt Balduin der Jüngere das 
gesamte Erbe, sein Bruder Robert aber ging, "als er das kriegsdienstfähige Alter erreicht 
hatte", in die Fremde. Nach vielen Mißerfolgen reüssierte Robert in Friesiand, doch Balduin 
wollte ihn vertreiben. Da beschwor ihn der Schwächere u.a. mit dem Hinweis, Balduin 
"solle sich seines glücklichen Loses freuen, daß er das ganze Erbe ihres Vaters allein ohne 
Teilhaber innehabe, das er nach dem Völkerrecht mit ihm hätte teilen müssen (quod totam 
communis patris hereditatem, quam iure gentium secum dividere debuisset, solus sine 
consorte obtineref).b] 
57 Eine Materialsammlung für die fränkische Zeit bei Schneider (wie Anm.1 2) S. 1 73ff. (Exkurs). 
58 Walter Mohr, Die Vorgeschichte der Grafschaft Flandern in Sage und historischer Wirklichkeit, Ham- 
burg 1994, S. 197ff. 
59 Ebd. S. 200: „Der Gesamttext über Flandern in Lamperts Werk muß also als ein späteres Einschiebsel 
betrachtet werden." 
60 Lampert von Hersfeld, Annales, ed. O. Holder-Egger, MGH SSrG 38 (1894) S. 121; die Übersetzung 
von Adolf Schmidt {Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Bd. 13, Darm¬ 
stadt 1962, S. 137). 
61 Ebd. S. 213 (Schmidt S.139/141). Vgl. Mohrs (wie Anm.58) Korrekturen zum historischen Verlauf. 
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