Full text: Lotharingia

Indirekt sprechen die vor allem seit der Ottonenzeit aut" dem Gebiet der Schulglossierungen 
Köln, Trier, Echternach, aber auch Cambrai und St. Bertin untereinander, aber auch mit 
altsächsischen Schreiborten verbindenden Beziehungen für die allmähliche Ausbildung 
neuer Loyalitäten. 
Dies wird am Ende unseres Zeitraumes, um 1100 erneut bestätigt durch ein Heiligenlied, 
das Lied auf den hl. Erzbischof Anno von Köln, in dessen weit- und reichsgeschichtlichem 
Entwurf Lotharingien keinen Platz hat, sondern sich das ¡Imperium in seiner Allianz mit den 
gentes der Bayern, Schwaben, Sachsen und vor allem Franken konstituiert und Köln zum 
Hauptort der Franken, ja der tiutschen Iand, der 'deutschen Lande' wird.139 
Demgegenüber wird in der Welt des wohl Anfang des 1 2. Jahrhunderts entstandenen ersten 
lothringischen Heldenliedes, des 'Garin le Loherain', zwar ein lotharingisches Selbstbe¬ 
wußtsein deutlich, das sich aber überwiegend auf den westlichen Teil der Lotharingia kon¬ 
zentriert (vgl. Tafel 49): zwischen Flavigny mit dem hl. Firmin, Toul, Verdun und Arras, 
Cambrai, St. Amand ist die Geographie dieses Liedes dicht. Metz ist der in Kontinuität von 
Karl Marteil über Pippin hin zum Lothringerherzog Garin entwickelte Hauptort der Lotha¬ 
ringia, während Köln mit seinem König Anseis, in dem sich eine unbestimmte Erinnerung an 
den dux AnsegisiI, Sohn Arnulfs von Metz, hält, gerade wie im 'Annolied' zum Hauptort des 
östlichen imperium wird.140 
Hier wird Dissoziierung der Teile auch im Bewußtsein signalisiert. Doch ist damit die kultu¬ 
relle Interferenz und Vermittlung des Zwischenreichs nicht beendet, wie exemplarisch die 
Karriere des Loherain Garin zeigt. Man hat einleuchtend demonstriert, daß der Name des 
lothringischen Herzogs der 'Geste' von deutscher Epik aufgegriffen wird, als es gilt, dem 
Helden der Sage vom Schwanenritter, die sich auch an die Grafen von Boulogne und von 
139 Eberhard NeIImann (Hg.), Das Annolied. Mittelhochdeutsch und neuhochdeutsch. Stuttgart 2. Aufl. 
1979. Vgl. Ders., in: Verfasserlexikon (wie An in. 96), Bd. 1. 1978, Sp. 366ff. [Lit.]; Ders., in: LMA, Bd. 
1. 1978, Sp. 668 [Lit.]; Gisela Vol I man n-Profe, Wiederbeginn volkssprachiger Schriftlichkeit im 
hohen Mittelalter (1050/60-1160/70). Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum 
Beginn der Neuzeit, hg. v. Joachim Heinzle. Bd. 1,2. Tübingen -1994, S. 22ff. 
140 Vgl. zu den Lothringerepen, ihrer Entstehung und Situierung Auguste Prost, Etudes sur l'histoire de 
Metz. Les légendes. Metz/Paris 1865, S. 94ff. 347ff.; Wilhelm Vietor, Die Handschriften der 'Geste 
des Lohérains' mit Texten und Varianten. Halle a.d. Saale 1876, S. 28; Ferdinand Lot, Garin le Lor¬ 
rain. In: Etudes d'histoire du Moyen Age dédiées à Gabriel Monod. Paris 1 886, S. 201-220; Leonhard 
Gleich, Der landschaftliche Charakter der Geste des Loherens. Bielefeld 1925, S. 5f. 19ff. [mit Hin¬ 
weis auf die Einarbeitung von Reminiszenzen von historischen Personen des 9./10. Jhs.[; Russell Keith 
Bowman, The Connections of the 'Geste des Loherains' with other French Epies and Mediaeval Gen¬ 
res. Diss. New York (Columbia Univ.) 1940, S. 138ff.; Félix Lecoy, Sur Gerbert de Mez: Lieux et 
Date. In: Romania 77 (1956), S. 417-435; Joel H. Grisward, Essai sur 'Garin le Loherain'. Structure 
et sens du prologue. In: Romania 88. 1967, S. 31 5f.; J.-L. Roland Bélanger, Damedieus. The Reli- 
gious Context of the French Epic. The Loherain Cycle viewed against other early French épies. Genève 
1975, S. 82. 160f.; Jindrich Zezula, L'élément historique et la datation d'Anseys de Mes. In: Roma¬ 
nia 97. 1976, S. 1 ff.; Philippe Walter, 'Hervis de Metz': le griffon et la fée. In: Vox Romanica 95. 
1986, S. 157-167; Ders., Géographie et géopolitique dans la légende d'Hervis de Metz'. In: Olifant 
13. 1988, S. 141-163; Ders., Lothringerepen. In: LMA. Bd. 5. 1991, Sp. 2137; Michael Heintze, 
König, Held und Sippe. Untersuchungen zur Chanson de geste des 13. und 14. Jahrhunderts und ihrer 
Zyklenbildung. Heidelberg 1991, S. 92ff. 294ff. Zur Geographie der frühen Lothringerepen 'Garin' 
und 'Gerbert de Metz' (Beginn) vgl. die Karte nach Gleich und die Erläuterung ebd. S. 22f. 
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