Full text: Lotharingia

der Kahle, Ludwig der Deutsche und ihr Neffe Lothar II. zu Koblenz einen Bund, in dem sie 
sich durch gegenseitige Eide zu Frieden und wechselseitiger Unterstützung verpflichteten: 
vierzig tideles der drei Könige formulierten die Schwurformel; sie berieten danach den Ver¬ 
trag, zeigten ihn den Königen, die ihn in ihren adnuntiationes annahmen und beschworen. 
Ludwig der Deutsche sprach lingua theodisca; Karl der Kahle wiederholte den gleichen Text 
romana lingua und rekapitulierte ihn in seinen Hauptzügen in lingua theodisca. Es folgte ein 
Gespräch beider Könige in romanischer Sprache, bevor Lothar II. lingua theodisca - man 
höre! - dem Vertrag zustimmte und seine Befolgung versprach.134 
VII. 
Wir sind am Ende unserer Überlegungen angelangt. En passant par la Lorraine oder besser: 
par la Lotharingie, was bleibt von der Rolle der Volkssprachen und der volkssprachigen Lite¬ 
ratur im mehrsprachigen Zwischenreich festzuhalten oder gar hervorzuheben? 
Auch in der Lotharingia läßt sich der karolingisch-ottonische Aufstieg der Volkssprachen 
beobachten. Auffallend, aber erklärlich ist das starke Zurücktreten der romanischen, latein¬ 
nahen Volkssprache gegenüber der reichhaltigeren Überlieferung des theodisken Reichs¬ 
teils. 
Dabei macht Lotharingien die an den jeweiligen Zustand der Schulen gebundenen Blüte¬ 
zeiten der Glossierungs- und Übersetzungsbemühungen mit. Wie auch Pierre Riehe gezeigt 
hat, treten antike und spätantike Autoren, Vergil, Horaz, Persius, Boethius seit dem späteren 
10. Jahrhundert stärker in den Vordergrund.135 An der Bibelepik des Ostreiches hat Lotharin¬ 
gien keinen Anteil, doch ist es intensiv an der Genese des Heiligenliedes beteiligt. 
Die Frequenz freilich der literarischen Denkmäler, wie sie die Karte der althochdeutschen 
und altniederdeutschen Schreiborte belegt (vgl. Tafel 48)136 - ist erhellend und ernüchternd. 
Ohne die Glossen lassen sich nur Trier, vielleicht Köln, als Schreiborte belegen, und das 
knapp jenseits der Sprachgrenze gelegene St. Riquier als Bibliotheksstandort eines verlo¬ 
renen althochdeutschen Textes ermitteln. Das Übergewicht des deutschen Südens und der 
Mitte ist überwältigend und wird - auch wenn man die hohen Verluste im Westen bedenkt 
- nicht nur durch die Überlieferungsverhältnisse zu erklären sein. 
Direkte Zeugnisse lotharingischer Identität tauchen nicht auf, waren aber auch kaum zu 
erwarten. Immerhin fehlen Gegenstücke zum westfränkischen Königspreis des 'Ludwigslie¬ 
des', zum ostfränkischen Frankenlob und Königspreis bei Otfrid von Weißenburg,137 zum 
Programm einer Bibeldichtung für die gesamte die teudisca lingua sprechende Bevölkerung 
des Ostreiches, wie sie die Praefatio zum altsächsischen 'Heliand' entwirft.138 
134 Vgl. auch Haubrichs (wie Anm. 2), S. 194f. [2. Aufl., S. 156]. 
135 Pierre Riehe in diesem Band S. 171-175. 
136 Vgl. dazu Haubrichs (wie Anm. 2), S. 227f. [2. Aufl., S. 184f.]. 
137 Otfrid von Weißenburg, Liber evangeliorum, Ad Ludovicum regem, ed. Oskar Erd mann / Ludwig 
Wolff, Otfrids Evangelienbuch. 4. Aufl. Tübingen 1962, S. 1 ff. Vgl. dazu Haubrichs (wie Anm. 2), 
S. 180 [2. Aufl., S. 144]. 
138 Wolfgang Haubrichs, Die Praefatio des Heliand. Ein Zeugnis der Religions- und Bildungspolitik 
Ludwigs des Deutschen (1966). In: Jürgen Eichhoff / Irmengard Rauch (Hgg.), Der Heliand. Wege 
der Forschung 321. Darmstadt 1973, S, 400-435; Ders. (wie Anm. 2), S. 330ff. [2. Aufl., S. 274ff.]. 
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