Full text: Lotharingia

Vicus-Märkte eine gewisse Permanenz des Marktlebens gegeben war, die sehr stark sied¬ 
lungsstabilisierend wirkte, während die nachweisbaren oder vermuteten Villa-Märkte wohl 
eher periodischen Charakter hatten, also Jahrmärkte waren, wie dies auch für die als genuin 
mittelalterlich angesehenen Wik-Orte28 im küstennahen Raum (Typ: Dorestad, Tiel, Wik 
auf Walcheren, Domburg usw.) gilt, von denen aber die meisten die Normanneneinfälle 
nicht überlebten. Bis zum Jahr 1000 füllte sich der Untersuchungsraum mit weiteren Markt¬ 
gelegenheiten, vor allem mit periodischen Märkten unterschiedlich langer Dauer. Während 
für die Entwicklung des Marktregals mit der Dreiheit von Markt, Münze und Marktzoll 
in spätkarolingischer Zeit auch der rechtsrheinische Raum eine gewisse Rolle spielte, bezie¬ 
hen sich alle vor dem Jahr 1000 erteilten Jahrmarktprivilegien auf den lotharingischen 
Raum; hier liegen auch die ältesten unprivilegierten Jahrmärkte, die wir fassen können29 
(vgl. Tafel 1 5). 
Eine in Kürze publizierte Karte30 der Jahrmärkte für das Reichsgebiet vor 1250 erweist, 
obwohl der erste Zeitschnitt um 1100 gelegt ist, den zeitlichen Vorsprung des Rhein-Maas- 
Moselraumes und zeigt, welch dichtes Netz an Marktgelegenheiten, die nicht zuletzt für 
den Fernhandel von Interesse waren, Lotharingien auszeichnete. Vor 1000 hatten Jahr¬ 
märkte Köln, Visé, Bastogne, St. EHubert, Metz und Toul. Geht man davon aus, daß ein 
großer Teil der nicht qualifizierbaren Märkte um 1000 ebenfalls Jahrmärkte waren, meist 
von ein bis drei Tagen Dauer, dann kann man auch in den dünner besiedelten Bergregionen 
- Hunsrück und Pfälzer Wald ausgenommen - von einer bemerkenswert dichten Infrastruk¬ 
tur für den regionalen und überregionalen EJandelsaustausch sprechen. 
Nahezu alle Jahrmärkte der Zeit um 1000 waren im Besitz von geistlichen Grundherrschaf¬ 
ten. Die Lösung vom begründenden Heiligenfest, oft verbunden mit Wallfahrt oder wenig¬ 
stens Zinszahlung der Grundholden und Wachszinser, vollzog sich allenfalls in Köln schon 
um 1100. Jahrmärkte als an Städte verliehene Einrichtungen fassen wir nicht vor den Barba¬ 
rossaprivilegien für Aachen und Duisburg; sie begründeten eine neue Qualität dieser Ver¬ 
kehrseinrichtung, die letztlich auch Ausdruck des im 12. Jahrhundert deutlich werdenden 
Vorsprungs des niederlotharingischen Raumes im Wirtschaftsleben war.31 Um 1000 kann 
man durchaus noch von einem Gleichgewicht der Kräfte sprechen. 
Wer waren die Träger des regionalen und des überregionalen Handels? Bis 1000 müssen 
nichteinheimische Gruppen, Juden, Friesen, vielleicht auch Flamen, eine erhebliche Rolle 
28 Franz Irsigler, Fernhandel, Märkte und Messen in vor- und frühhansischer Zeit. In: Die Hanse. 
Lebenswirklichkeit und Mythos, hg. v. Jörgen Bracker, Bd. 1, Hamburg 1989 S. 22-27. 
29 Franz Irsigler, Jahrmärkte und Messen im Rhein-Mosel-Raum, 10.-13. Jahrhundert. In: Les petites vil- 
les en Lotharingie/Die kleinen Städte in Lotharingien (Publications du C.L.U.D.E.M t. 4), Luxemburg 
1992 S. 519-544 (mit Karte). 
30 Franz Irsigler, Jahrmärkte und Messesysteme im westlichen Reichsgebiet bis ca. 1250. In: Europäi¬ 
sche Messen und Märktesysteme im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, hgg. v. Peter Johanek 
u. Heinz Stoob (Städteforschung A 40), KölnAVeimarAVien 1995 (im Druck). 
31 Immer noch lesenswert: Walter Stein, Handels- und Verkehrsgeschichte der deutschen Kaiserzeit, 
1922, Nachdr. Darmstadt 1977, bes. S. 195ff. u. 201 ff. (niederrheinisches Jahrmärktesystem). 
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