Full text: Lotharingia

schäften weiterlebten. Die Versorgung mit Wolle aus den Vogesen muß gut gewesen sein. 
Meine Bestandsaufnahme solcher Einrichtungen, die ich 1970 versucht habe,24 ergibt eher 
Nachweise für den niederlotharingischen Raum, der im Hoch- und Spätmittelalter Teil der 
großen nordwesteuropäischen Tuchlandschaft werden sollte. 
III. Märkte, Handel und Verkehr 
In den letzten Jahren hat sich die Forschung bemüht, das Verhältnis von Grundherrschaft, 
Markt und Stadt in der Übergangsphase vom frühen zum hohen Mittelalter neu zu bestim¬ 
men. Der Markt wird nicht mehr ausschließlich als Voraussetzung, Teilelement, Vorstufe 
oder Frühform im mittelalterlichen Urbanisierungsprozeß begriffen, als zielgerichtete Ein¬ 
richtung, die, in regional unterschiedlicher Ausprägung, den Hauptbestandteil der wirt¬ 
schaftlichen Zentralfunktionen einer vollentwickelten mittelalterlichen Stadt ausmacht, son¬ 
dern als eigenständige, von der Stadt analytisch trennbare und tatsächlich von ihr 
unabhängig existente Form, als Struktur und zugleich als Siedlungstyp, der sich zur Stadt 
weiterentwickeln kann, aber nicht muß, und in vielen Regionen mit schwächeren Urbani¬ 
sierungsimpulsen als Zentralort mittlerer Stufe bis in die Neuzeit Bestand hat. Der Zusam¬ 
menhang zwischen Grundherrschaft, Markt und Urbanisierungsprozeß erscheint wesentlich 
enger, als man in der älteren Forschung angenommen hat.25 
Als brauchbar erweist sich für Räume mit abgestufter Kontinuität bei den nichtagrarischen 
Siedlungstypen die auf Traute Endemann26 und Waltraut Bleiber27 zurückgehende, aus dem 
Edictum Pistense Karls des Kahlen von 864 abgeleitete Typologie von Civitas-, Vicus- und 
Villamärkten, wobei ich, anders als Waltraut Bleiber, gerade mit Rücksicht auf den lotharin¬ 
gischen Raum zu den Vicus-Märkten auch jene nicht- oder nur teilagrarisch bestimmten 
Siedlungen rechne, die - zumindest in topographischer Kontinuität - an spätantike Kastell¬ 
orte und größere Straßenvici anknüpften. Meine 1989 publizierte, im Rhein-Maas-Delta 
lückenhafte und den späteren oberlotharingischen Raum bei Toul abschneidende Karte für 
die Zeit um 900 betont neben der Rheinachse den mittleren Maasraum und den sich im 10. 
Jahrhundert stark auffüllenden oberlotharingischen Raum; hierzu ist in Kürze eine große 
Arbeit von Jean-Fuc Fray zu erwarten. 
Um 900 lassen sich über die typologische Zuordnung hinaus noch kaum Aussagen zur Art 
des Marktes machen. Man darf annehmen, daß bei den Civitas-Märkten und einem Teil der 
24 Franz Irsigler, Divites und pauperes in der Vita Meinwerci. Untersuchungen zur wirtschaftlichen 
und sozialen Differenzierung der Bevölkerung Westfalens im Hochmittelalter. In: VSWG 57. 1970 
S. 449-499, zu den Gynaeceen S. 482ff. - Vgl. Lukas Clemens u. Michael Matheus, Zur Entwick¬ 
lung von Tuchproduktion und Tuchhandel in „Oberlothringen" im hohen Mittelalter (ca. 900-1300). 
In: VSWG 75. 1988 S. 15-31. 
25 Franz Irsigler, Grundherrschaft, Handel und Märkte zwischen Maas und Rhein im frühen und hohen 
Mittelalter. In: Grundherrschaft und Stadtentstehung am Niederrhein, hgg. v. Klaus Flink u. Wilhelm 
Janssen (Klever Archiv Bd. 9), Kleve 1989 S. 52-78 (mit Karte: Marktgelegenheiten im Rhein-Maas- 
Gebiet um 900). 
26 Traute Endemann, Markturkunde und Markt in Frankreich und Burgund vom 9. bis 11. Jahrhundert 
(Vorträge u. Forschungen Sonderbd. 4), Konstanz/Stuttgart 1964. 
27 Waltraut Bleiber, Grundherrschaft und Markt zwischen Loire und Rhein während des 9. Jahrhun¬ 
derts. Untersuchungen zu ihrem wechselseitigen Verhältnis. In: Jb. f. Wirtschaftsgeschichte 1982/111 
S. 105-135. 
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