Full text: Lotharingia

der Siedlungsgeschichte und der Ausbildung der Sprachgrenze bis zum 12. Jahrhundert 
kann hier nicht eingegangen werden.6 
Unser Wissen über die Grundherrschaft als umfassendes Organisationsprinzip des wirt¬ 
schaftlichen und sozialen Lebens, aber auch der Rechtsordnung und der Verteilung von 
Macht im Raum verdanken wir - von den normativen Quellen der Karolingerzeit abgesehen 
- in erster Linie der reichen Überlieferung der geistlichen Grundherrschaften, jener der 
Bischöfe, Klöster und Stifte. Man muß mit gewissen Verzerrungen des Bildes rechnen, da 
auch noch im 11. und 12. Jahrhundert die laikale Grundherschaft nur schemenhaftzu fas¬ 
sen ist. Aber es scheint doch erlaubt, Verallgemeinerungen auf der Basis der Quellen geist¬ 
licher Institutionen vorzunehmen, weil diese wohl schon um 1000 mindestens ein Drittel 
des agrarisch nutzbaren Bodens kontrollierten und in jeder Hinsicht vorbildgebend für die 
Organisation des Grundbesitzes in Laienhand wirkten. 
Ein für große Teile Lotharingiens wesentliches Problem, das Verhältnis von Ackerbau und 
Weinbau, bedarf besonderer Aufmerksamkeit. Der Weinbau, neben der urbanen Lebens¬ 
form und dem Christentum wohl das wichtigste Element des spätantiken Erbes in unserem 
Raum, muß, was Flächen und damit befaßte Personen betrifft, in weit größerem Umfang 
weitergeführt worden sein, als uns die seit dem 8. Jahrhundert allmählich zunehmenden 
Quellenbelege verraten. Und auch die Vorstellung, der Weinbau an der Mosel und ihren 
Seitentälern habe im Früh- und beginnenden Hochmittelalter ein eher bescheidenes Dasein 
als Sonderkultur-Anhängsel der Hufen gefristet, muß zugunsten der Möglichkeit bzw. des 
Nachweises, daß selbständige Winzerbetriebe, also von der Hufe gelöste oder sogar von 
Anfang an von ihr unabhängige picturae (Pichtern) schon im 7. und 8. Jahrhundert bestan¬ 
den haben, wenigstens teilweise aufgegeben werden.7 In Mehring, dem Moselhafen und 
Weinbauzentrum Prüms an der Mittelmosel, gab es zur Zeit der Abfassung des Prümer 
Urbars (893) tatsächlich nur 2 1/2 Hufen, aber 47-49 selbständige Weinbaubetriebe, verteilt 
auf Ober- und Unterdorf, die neben den beträchtlichen Weinabgaben an das Eifelkloster so 
viel Wein produzieren mußten, daß der „freie" Ertrag zum Naturaltausch gegen Getreide 
und Fleisch mit Nachbargemeinden oder - auf Geldbasis - zum Kauf der Grundnahrungs¬ 
mittel auf dem Markt reichte. Ähnliche Strukturen lassen sich im Zusammenhang mit der 
Salzgewinnung auch im Seillegau fassen.8 Man kann wohl feststellen, daß überall, wo inten¬ 
siverer Weinbau betrieben wurde, frühe und starke Impulse zur Ausbildung von Märkten 
und zur Monetarisierung der Wirtschaftsbeziehungen gegeben waren, Tendenzen also, die 
letztlich auch zur Besserung der Rechtsstellung der Winzer und zur Lockerung der Bindung 
an den Grundherrn durch das frühe Eindringen von Pachtformen (Halbpacht, Drittelpacht) 
führten. In diesem Emanzipationsprozeß waren die Winzer an Mosel, Saar, Ruwer, Lieser 
und weiteren Seitentälern um 1000 schon sehr weit fortgeschritten. 
6 Vgl. den Beitrag von Wolfgang Haubrichs in diesem Band. 
7 Barbara Weiter-Matysiak, Weinbau im Mittelalter (Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, Karte und 
Beiheft VII/2), Köln 1985; Michael Matheus u. Lukas Clemens (Hgg.), Weinbau zwischen Maas und 
Rhein in der Antike und im Mittelalter (Trierer Historische Forschungen Bd. 23), Trier 1995 (im Druck); 
Franz Irsigler, Mehring. Ein Prümer Winzerdorf um 900. In: Peasants and Townsmen in Medieval 
Europe. Studia in honorem Adriaan Verhulst, Brüssel 1995 (im Druck). 
8 Vgl. unten bei Anm. 18. 
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