Full text: Lotharingia

er seine Meinung kaum76 und bleibt vor allem eine Erklärung für die angenommene 
Fälschungsaktion schuldig. 
Hier kann nun nicht der Ort sein, alle offenen Fragen zu den frühen Urkunden von St-Evre 
zu diskutieren, zumal sich die diplomatische Analyse als schwierig erweist, weil keines der 
Schriftstücke im Original überliefert ist und sämtliche Texte nur als Drucke und Abschriften 
des 17. und 18. Jahrhunderts erhalten blieben. Außerdem können die Probleme um die 
beiden Bischofsurkunden nicht gelöst werden ohne Berücksichtigung der beiden Herrscher¬ 
diplome, deren Echtheit bislang nicht bestritten worden ist.77 Aber einige grundsätzliche 
Überlegungen können angestellt werden, die von der Tatsache ausgehen, daß sich in allen 
vier Urkunden die wesentlichen Bestimmungen in zwei Gruppen gliedern: in die Bestä¬ 
tigung des Besitzes, der in einer umfänglichen Liste aufgezählt wird, und in die Verfügungen 
über die Rechtsstellung der Abtei als bischöfliches Eigenkloster. Nur dieser zweite Teil ist für 
die weiteren Ausführungen von Bedeutung; ihm soll daher unsere ganze Aufmerksamkeit 
gelten: 
Wenn alle vier Schriftstücke betonen, St-Evre sei der Verfügungsgewalt des Bischofs unter¬ 
worfen, so heben die bischöflichen Urkunden im Sinne der Reform noch zusätzlich hervor, 
daß sich die Mönche nach den Normen der regula s. Benedicti zu richten haben. Natürlich 
behielten sich die Bischöfe das Recht vor, den Abt selbst auswählen zu können (electio 
successoris ejus ... ab episcopo fiat, heißt es in der Frothar-Urkunde), schränkten ihre Aus¬ 
wahlmöglichkeit dabei aber zugleich ein, indem sie erklärten, der Abt solle grundsätzlich 
aus den Reihen des Konvents (ex eadem congregatione) genommen werden und nur, wenn 
in diesen kein geeigneter Kandidat zu finden sei, dürfe auch in anderen Klöstern Umschau 
nach einem solchen gehalten werden. Darüber hinaus räumt Frothar den Mönchen für den 
Fall eines Konfliktes das Recht ein, an den König zu appellieren.78 Karl der Kahle hat dieses 
Zugeständnis schließlich noch etwas modifiziert, indem er den Metropoliten als erste 
76 Während Schoellen, S. 11, den Fälschungscharakter beider Dokumente ohne nähere Begründung 
behauptet und die Urkunde Gauzlins (S. 71 Nr. 9) ebenfalls ohne Begründung als unecht charakterisiert 
wird, heißt es in der Vorbemerkung zu dem Privileg Frothars (S. 51 Nr. 1) nur: „... les souscriptions 
rapellent celles d'une bulle pontificale du temps de Célestin III, car le nombre des souscriteurs est iden¬ 
tique à celui des bulles de Célestin; la charte a été confectionnée à partir d'éléments des chartes et 
diplômes suivants [worauf sieben Urkunden aufgezählt werden]. Date de fabrication du faux: première 
moitié du XIIe s. (cf. charte suivante [eine Verfügung Frothars über die Pfarre St. Maximin])"; wobei 
nicht über den Widerspruch nachgedacht wird, daß Coelestin III. am Ende des Jahrhunderts Papst war 
(1191-1198), die zweite Urkunde Frothars jedoch vor dem 18. April 1159 entstanden sein muß, da sie 
in einer Urkunde Hadrians IV. zitiert wird: Regesta pontificum Romanorum, ed. Philippus Jaffé, cur. 
S. Loewenfeld, Lipsiae 21888, Nr. 10508 = M[iche11 Parisse (Ed.), Bullaire de la Lorraine (jusqu'à 
1198), in: Annuaire de la Société d'Histoire et d'Archéologie de la Lorraine 69 (1969) S. 5-102, hier: 
S.56 Nr. 242, ed. Hermann Meinert, Papsturkunden in Frankreich NF 1. Champagne und Lothringen 
(= Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Phil.-Hist. Kl. 3. F. 4), Berlin 1933, 
S. 275 Nr. 80. 
77 Vgl. die Vorbemerkungen von Tessier zu dem Diplom Karls des Kahlen (wie Anm. 72) und von Kehr 
zu der Urkunde Karls III. (wie Anm. 73), wo trotz aller Eigenheiten der Schriftstücke die Echtheit 
verfochten und die Entstehung als Empfängerausfertigungen vertreten wird. 
78 In der Frothar-Urkunde (vgl. Anm. 74) heißt es: Causam autem utriusque conditionis post Deum uni- 
cuique régi, qui huic regno praefuerit, corrigendam committimus, si vel praedictae urbis antistes horum 
quippiam subtrahere voluerit, aut praedicti coenobii abbas adversus dominationem antistitis aliquid 
machinari tentaverit. Vgl. dazu die entsprechenden Formulierungen in den übrigen drei Urkunden (vgl. 
Anm. 72-74). 
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