Full text: Lotharingia

ihrer kirchlichen Ämter fortdrängten in ein Leben kontemplativer Abgeschiedenheit. Auffal¬ 
lend ist dabei die schwache Bindung an das kirchliche Amt, das man leichten Herzens zu 
verlassen bereit ist, um der Welt den Rücken zu kehren; auffallend ist aber auch das Leiden 
an der Unzulänglichkeit des religiösen Lebens und das Ungenügen an den monastischen 
Zuständen, das innerhalb einer überschaubaren Gruppe von Klerikern vornehmlich aus der 
Metzer und Touler Kirche empfunden worden ist - denn die Sensibilität dieser Geistlichen 
für die Reformbedürftigkeit des Klosterlebens zeugt von einer religiösen Empfindsamkeit, die 
selbst einmal geweckt und geformt worden sein muß. Wie aber konnte dies geschehen? Die 
Quellen geben darüber keine unmittelbare Auskunft, aber letztlich findet sich (wenn man 
nicht allein den Zufall am Werke sehen will) nur eine sinnvolle Erklärung dafür: Die geistli¬ 
chen Institutionen der genannten Orte, die den moralischen Ansprüchen und dem asketi¬ 
schen Bedürfnis der künftigen Reformer nicht mehr genügen konnten, müssen immerhin so 
viel an spiritueller Ausstrahlung bewahrt und vermittelt haben, daß in einer nicht unbe¬ 
trächtlichen Zahl von Weltgeistlichen ein Gespür für die Unzulänglichkeit des kirchlichen, 
genauer noch: des monastischen Gemeinschaftslebens geweckt wurde. 
Die neuere Forschung hat das durch die Reformrhetorik der klösterlichen Geschichtsschrei¬ 
bung in düsteren Farben gemalte Bild vom Verfall der unter die Aachener Regel36 von 816 
gestellten Kanonikergemeinschaften zu korrigieren vermocht;37 und da die Domkapitel der 
Trierer Kirchenprovinz ihre Formung zweifellos unter dem Einfluß dieser institutio canoni¬ 
corum erhalten haben,38 wird man gerade für die oberlothringischen Diözesen von einem 
(wie auch immer gearteten) Weiterwirken jenes Reformimpulses aus dem frühen 9. Jahrhun¬ 
dert ausgehen dürfen. Wenn auch dadurch allein kein besonderes 'Reformklima' entstanden 
sein wird, so waren durch dieses Nachwirken die Voraussetzungen trotzdem günstig für die 
religiöse Erweckung geistlicher Amtsträger in einer Zeit, in der andernorts die Erneuerung des 
kirchlichen Gemeinschaftslebens in besonderem Maße von Laien angestoßen worden ist. 
36 Vgl. dazu Albert Werm inghoff, Die Beschlüsse des Aachener Conzils im Jahre 816, in: NA 27 (1902) 
S. 605-675, bes. 625-628; Josef Semmler, Die Beschlüsse des Aachener Konzils im Jahre 816, in: 
ZKG 74 (1963) S. 15-82, und Rudolf Schieffer, Die Entstehung von Domkapiteln in Deutschland 
(= Bonner hist. Forschungen 43), Bonn 1976, S. 232-241. 
37 Vgl. dazu Ch[arles] Dereine, Chanoines, in: Dictionnaire d'Histoire et de Géographie ecclésiastiques 
12 (1953) S.353-405, bes. 371-375, und vor allem Josef Siegwart, Die Chorherren- und Chor¬ 
frauengemeinschaften in der deutschsprachigen Schweiz vom 6. Jahrhundert bis 1160. Mit einem 
Überblick über die deutsche Kanonikerreform des 10. und 11. Jh. (= Studia Friburgensia NF 30), Frei¬ 
burg i. Ue. 1962, S. 95-140. Als Beispiel für die Abwertung kanonikalen Lebens im Zusammenhang mit 
der Durchführung der monastischen Reform vgl. die Berichte über die Ersetzung der Kanoniker von 
St-Vanne durch Mönche: FHermann Bloch, Die älteren Urkunden des Klosters S. Vanne zu Verdun, in: 
Jahrbuch der Gesellschaft für lothringische Geschichte und Alterumskunde 10 (1898) S. 338-449, hier 
die Stiftungsurkunde Bischof Berengars von 951/952: S. 391-395 Nr. XI = Jean-Pol Evrard (Hg.), Actes 
des princes Lorrains. 2e Série: Princes ecclésiastiques III. Les évêques de Verdun. A. Des origines à 
1107, Nancy 1977, S. 37 ff. Nr. 15 (zur Urkunde selbst vgl. Bloch S. 352 f. und D O I 140 [952 Jan. 
21]), und die in ihrer Aussage gegenüber der Urkunde zugespitzten Gesta episcoporum Virdunensium. 
Continuatio auctore monacho s. Vitoni a. 925-1047, ed. G. Waitz, MGFH SS 4, 1841, S. 45 (c. 2): 
...clericosque in ea [basilica] degentes et multis vilibus negotiis deservientes abiecit [Berengarius], 
monachosque inibi Deo servituros constitué ... 
38 Vgl. dazu R. Schieffer, Entstehung von Domkapiteln (wie Anm. 36), S. 139-148, 244 und 253; 
Semmler, Le monachisme occidental (wie Anm. 4), S. 86 ff., sowie allgemein auch Jacques Choux, 
Décadence et réforme monastique dans la province de Trêves. 855-959, in: ders., La Lorraine chrétienne 
au Moyen Age, Metz 1981, S. 53-72 [erstmals 1960, in: Revue Bénédictine 70, S. 204-223], bes. 72. 
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