Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

grund der Abtrennung vom Reich und der damit verbundenen Lebensverhältnisse 
begangen worden, so daß ein "großherziger Gnadenerweis" angebracht sei. Grund¬ 
sätzlich war die Amnestie auf Taten beschränkt, die von Saarbewohnem begangen 
worden waren. Die Tat mußte ferner innerhalb des Saargebietes selbst oder, soweit 
Devisenzuwiderhandlungen in Betracht kamen, im Verkehr zwischen dem Saar¬ 
gebiet und dem übrigen Reichsgebiet begangen worden sein. Die NS-Presse erklär¬ 
te die Saaramnestie als verständnisvolles Entgegenkommen des Reiches für Straf¬ 
taten, die letztlich aufgrund der Abtrennung des Saargebietes als Auswuchs wirt¬ 
schaftlicher Not durchaus erklärbar gewesen seien21. Solche Aktivitäten der Na¬ 
tionalsozialisten führten dazu, Beobachtern aus dem Ausland eine befriedete Saar 
vorzuführen, so daß selbst Auslandsstimmen die Politik der Nazis in bestem Licht 
bewerteten und dabei gern die Verfolgung ihrer Gegner übersahen22. 
Auch was die Auslegung der Garantieerklärungen anbelangte, so scheinen recht 
unterschiedliche Vorstellungen zu ihrer praktischen Handhabung bestanden zu ha¬ 
ben. So hatte z.B. der katholische Jungmännerverband am 29. Juli 1934 für die ka¬ 
tholische Jugend des Saargebietes eine Tagung abgehalten, deren Durchführung 
von der Reko erst nach der Zusage des Veranstalters, eine einfache Versammlung 
abzuhalten, genehmigt worden war. Während der Versammlung wurde an den da¬ 
mals schon schwer erkrankten Reichspräsidenten von Hindenburg ein Grußtele¬ 
gramm gesandt: "50.000 junge Katholiken des Saargebietes, in Saarbrücken um 
die Bischöfe von Trier und Speyer versammelt, unterbreiten dem Präsidenten des 
Deutschen Reiches aus der deutschen Westmark den Ausdruck ihrer unerschütter¬ 
lichen Treue. 
gez. Franz Rudolf Bomewasser, Bischof von Trier, Ludwig Sebastian, Bischof von 
Speyer."23 
Gegen dieses Telegramm legte die Abstimmungskommission beim Generalsekretär 
des Völkerbundes Beschwerde ein, da "die politische Neutralität" dadurch verletzt 
sei. Von NS-Seite wurde daraufhin in einer Gegendarstellung am 10. September24 
die Auffassung des Reiches zur 15jährigen Abtrennung des Saargebietes dargelegt, 
wobei auf den lediglich 15jährigen Zeitfaktor hingewiesen wurde, in der die 
Reichshoheit nur geruht habe, und dies ebenfalls nur für bestimmte Angelegenhe¬ 
iten (Währung, Zollfrage, Polizei u.a.). Des weiteren wurde der Umstand heraus¬ 
gestellt, daß ja das Saargebiet weiterhin kirchlich zu den reichsdeutschen Diözesen 
Trier und Speyer gehöre. In ihrer Gegendarstellung berief sich die Reichsregierung 
aber speziell auf die Garantieerklärung vom 2. Juni, "die anscheinend für die Bi¬ 
schöfe nicht gelte". Durch solche Argumentationen sollten die Garantieerklärun¬ 
gen dazu mißbraucht werden, die Verbindungen und Einwirkungen des Reiches 
auf die Saarverhältnisse künftig dadurch rechtlich zu untermauern. 
für Vorbestrafte und insgesamt für Zuchthausstrafen; - Freiheitsstrafen bis zu 3 Monaten und Geldstra¬ 
fen werden ohne Rücksicht auf Vorstrafen des Täters erlassen. 
2* Vgl. NSZ-Rheinfront Nr. 51 v. 1.3.1935. 
22 
Vgl. den Auszug aus dem "Manchester Guardian" v. 9.2.1935, in: H.-W. Herrmann, Beiträge, S. 365f. 
23 Germania Nr. 249 v. 9.9.1934. Ebd. Bd. 1. 
24 
Sehr. Voigts an das Deutsche Konsulat in Genf v. 10.9.1934. Ebd. Bd. 1. 
437
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.