Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

"Mittellosigkeit der meisten politischen Flüchtlinge". Anscheinend war die Inter¬ 
nationale allgemein bestrebt, das nordafrikanische Siedlungsprojekt nicht auf die 
Saaremigranten zu beschränken, sondern in diesem Rahmen überhaupt das Emi- 
grantenproblem zu lösen; eine vom Völkerbund garantierte Anleihe sollte dieses 
Vorhaben absichem. Zur Zeit lehne die Französische Regierung noch den Plan ab, 
die Emigranten in geschlossenen Siedlungen unterzubringen, da sie durch die Zu¬ 
sammenballung von sozialistischen und kommunistischen Flüchtlingen politische 
Schwierigkeiten befurchte. Aus diesen Gründen sollten sie in bestehenden Sied¬ 
lungen, hauptsächlich in Südfrankreich, aufgeteilt werden, "damit eine Assimila¬ 
tion leichter eintreten"23 könne. Sturmtahl vertrat grundsätzlich die Auffassung, 
daß für eine ganze Reihe politischer Flüchtlinge aus dem Saargebiet Frankreich 
nur als Durchgangsland dienen werde; hierunter rechnete er "die bekannten 
Kommunisten sowie eine Reihe aktiver Sozialisten"24. 
Einen Dämpfer erfuhren diese weitgefaßten und mit Vorsicht zu sehenden Pro¬ 
blemlösungen allerdings durch die Tatsache, daß der französische Geheimdienst 
im Saargebiet eine sehr große Liste von Persönlichkeiten aufgestellt hatte, deren 
Aufenthalt in Frankreich nicht erwünscht war. Sturmtahl sah es daher als eine 
Aufgabe der Internationalen an, "diese Liste nach Frankreich hereinzuschmug¬ 
geln"25. Seit dem 14. Januar waren nun die auf sozialistischer Seite bestehenden 
Grenzorganisationen in Lothringen unter Mithilfe der saarländischen Sozialisten 
so umgebaut worden, daß sie jetzt Tag für Tag nach einem festgelegten Plan 
Flüchtlinge illegal nach Frankreich einschleusen konnten, auch solche, die dort 
nicht erwünscht waren; Sammelpunkt war Paris, wo sie um Aufenthaltserlaubnis 
nachsuchen mußten. Mit dieser Praxis sollte die Französische Regierung in Voll¬ 
zugszwang gebracht werden, da sie es sich auf dem internationalen Forum kaum 
erlauben könne, diese Personen wieder auszuweisen. Eine Ausweisung, wenn 
überhaupt, kam nur nach Belgien oder der Schweiz in Frage. In diesen Fällen 
hatte sich die dortige Partei um die Emigranten zu kümmern. 
Besondere Aufmerksamkeit, so Sturmtahl, sollte den Reichsemigranten gewidmet 
werden, hätten sie sich doch sehr aktiv am Abstimmungskampf gegen Deutschland 
beteiligt. Bei ihnen handelte es sich oftmals um sehr bekannte Persönlichkeiten 
aus den Kreisen der ehemaligen SPD und der Freien Gewerkschaften 
Deutschlands. Die meisten besaßen einen Saarpaß und hatten sich mit 
Einverständnis der Reko im Saargebiet aufgehalten. Nur eine kleine Anzahl besaß 
keine Aufenthaltsgenehmigung. Ihr Leben war am meisten bedroht, befanden sich 
darunter doch auch Flüchtlinge aus Konzentrationslagern. Für sie hatte man im 
Einvernehmen mit der Reko und der französischen Bergwerksverwaltung insofern 
Vorsorge getroffen, als sie ab sofort in Sulzbach in der Kantine der französischen 
Bergwerksverwaltung solange untergebracht wurden, bis ihr Abtransport erfolgen 
23 Ebd. Bd. 15. 
24 Ebd. Bd. 15. 
25 
Ebd. Bd. 15. Frankreich, das seit dem 19. Jh. klassische Asylland Europas, hat noch 1933 die meisten 
deutschen Exilierten aufgenommen. Vgl. H.-A. Walter, Die Asylpolitik Frankreichs, S. 47-63. 
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