Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

Verwaltungsreform in Vorschlag brachte bzw. Hitler eine territoriale Neuordnung 
gestattete, um Zwistigkeiten zu lösen28. 
Die wirtschaftliche Lage im Saargrenzgürtel und die Klage seiner Bewohner 
machte sich Bürckel noch 1939 zu eigen und forderte weiterhin die Eingliederung 
der Restkreise ins Saarland29; daß seine Position sich inzwischen weiter gestärkt 
hatte, mag daran erkennbar sein, daß Bürckel seit Juli 1938 zum Freimachungs¬ 
kommissar im Bereich des gesamten Wehrkreises XII ernannt worden war und 
seine diesbezügliche Kompetenz über seinen Gau hinausreichte30. Die Restkreise 
bzw. die Grenzen von 1920 blieben jedoch bestehen. Somit hatte Bürckel zwar 
seine Ambitionen auf diesem Gebiet nicht verwirklichen können, aber er hatte 
zumindest eine Ausdehnung von Zuständigkeiten von Behörden in das Saarland 
und die Pfalz hinein verhindert, wodurch er seinem Nahziel der Zusammenlegung 
des Saarlandes und der Pfalz zu einem Reichsgau näher gekommen war. 
Bürckels Hauptinitiative zur verwaltungsmäßigen Zusammenlegung des Saarlan¬ 
des und der Pfalz dürfte im Frühjahr 1938 liegen und steht in direktem Zusam¬ 
menhang mit der nationalsozialistischen Österreichpolitik. Im Zuge der Vorberei¬ 
tungen für die Volksabstimmung in Österreich und der Reorganisation der öster¬ 
reichischen NDSAP war Bürckel am 13. März 1938 zum kommissarischen Leiter 
der NDSAP Österreichs und am 23. April 1938 zum "Reichskommissar für die 
Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich" ernannt worden; die 
Verantwortung für den Gau Saarpfalz übertrug Bürckel für die Zeit seiner Abwe¬ 
senheit dem stellvertretenden Gauleiter Leyser. Bürckel selbst blieb nach Beendi¬ 
gung seines Auftrags am 13. März 1940 "bis zur Berufung eines Reichsstatthalters 
in Wien" durch Hitler im Besitz der Befugnisse des Chefs der staatlichen Verwal¬ 
tung (Nachfolger im Sommer 1940: Baldur von Schirach)31. Dieses neue Amt, das 
ihn aus der hierarchischen Stellung und besonders der Unterstellung unter den 
Reichsinnenminister herausnahm, brachte ihn persönlich, aber auch seine 
"Mannschaft", in eine exponierte Lage; so konnte er sich bei der gesamten Aktion 
auf seine direkte Unterstellung unter Hitler berufen. Und obgleich beim Anschluß 
Österreichs der RMdl die Funktion einer "Zentralstelle" für die Eingliederung zu¬ 
gesprochen erhalten hatte, vermochten sich weder der Innenminister noch die üb¬ 
rigen Ressortchefs gegen Bürckel durchsetzen32. Zündstoff war auch die grund¬ 
sätzliche Frage, ob in der neugeschaffenen "Ostmark" die staatlichen oder die 
staatsparteilichen Organe das Sagen hatten, wobei sich Bürckel (mit Hitler und der 
28 D. Rebentisch, Führerstaat, S. 265f, 299f. 
29 Sehr. d. Reichskommissars für das Saarland an den RMdl v. 20.7.1939. BA Koblenz, Best. R 18, Nr. 
391, Bl. 71-90. 
30 H.-W. Herrmann, Die Freimachung, S. 66. Zuständig filr den Gau Saarpfalz war E. Leyser, für den Gau 
Koblenz-Trier der Gauleiter z.V. Neumann. 
31 Hitler mochte Bürckel am 29.1.1940 nicht zum Reichsstatthalter in Wien ernennen, da er ihn für die 
reichsfeindliche Stimmung in Wien verantwortlich machte (Grund: die üblichen Übergriffe und Klatsch, 
Bürckel habe "in Hosenträgern im Hotel Imperial diniert". D. Rebentisch, Führerstaat, S. 205. 
32 Ebd. S. 293f. 
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