Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

mäßigen Umfang waren Gelder frankophilen Gruppen zugeflossen, was das Er¬ 
scheinen neuer Zeitungen (Saarlouiser Journal, Chronik, General-Anzeiger, Neue 
Saar-Post oder die sozialistische "Deutsche Freiheit") ermöglichte, doch alle diese 
Unterstützungen der NS-Gegner erfolgten zu spät, um deutlich Wirkung zu hinter¬ 
lassen21. Allein schon das mit der Reichsregierung wenige Wochen vor der Ab¬ 
stimmung geschlossene Rahmenabkommen bezeugt das erlahmte wirtschaftliche 
Interesse an der Saarregion. 
Der Rat des Völkerbundes in Genf hielt sich in den Verhandlungen mit der 
Reichsregierung, der Regierungskommission oder mit einzelnen Delegationen 
strikt an den Wortlaut des Versailler Vertrages, der eine Abstimmung nach 15 
Jahren vorsah; demgemäß fand das Projekt einer zweiten Abstimmung bei den 
Teilnehmerstaaten keine Unterstützung. Der Saarbevollmächtigte des Reichskanz¬ 
lers, Gauleiter Bürckel, äußerte noch am 5. Januar 1935 gegenüber einem Kor¬ 
respondenten von Reuter, "daß die diesbezügliche Propaganda der Separatisten¬ 
front unehrlich sei. Denn sie verschweige die Tatsache, daß, abgesehen von der 
vagen Möglichkeit einer - wer weiß wann - stattfindenden Volksabstimmung, ganz 
andere Lösungen vorbereitet werden könnten, welche die Gefahren für den Frieden 
vergrößern müßten"22. Solche drohenden Pressestimmen und Argumentationen 
wogen mehr als das Gerangel um zukünftige Eventualitäten, zumal da die Entfal¬ 
tungsmöglichkeiten der antifaschistischen Aufklärung stark eingeschränkt waren. 
An vorangegangener Stelle wurde bereits auf die wenigen und dazu noch auflage¬ 
schwachen Zeitungen der Gegner einer Rückgliederung hingewiesen. Die Zerstö¬ 
rung der freien Presse, die Einschränkungen der bürgerlichen Presse und die mas¬ 
sive Förderung der Parteizeitungen leiteten gegen Ende 1934 auch im Saargebiet 
die Einführung nationalsozialistischer Pressepolitik ein. Hinzu kam noch, und dies 
dürfte sehr stark zu Buche geschlagen haben, eine Beweisführung gegen eine mo¬ 
mentane Rückgliederung, die dort nicht überzeugen konnte, wo sie jahrelang aus 
nationalem Pathos das Gegenteil proklamiert hatte und nun mißverstanden wurde, 
wenn sie von Deutschland sprach, doch Hitler damit nicht meinte. 
Die Tatsachen, die die Saarbevölkerung über die Zustände im Reich direkt aus be¬ 
rufenem Munde hätte erfahren können, blieben weitgehend ungeglaubt, verloren 
den entsprechenden Nachdruck oder wurden durch Gegenstimmen als unwahr 
hingestellt. Die reichsdeutschen Emigranten als Zeitzeugen lebten an der Saar iso¬ 
liert in besonderen Lagern, vornehmlich in Gebäuden der Mines domaniales, was 
ihnen gleichzeitig den Stempel der Frankophilie verlieh. Aufgrund der sozialen 
Diskriminierung frequentierten sie besondere Lokale und besaßen somit wenig 
Kontakt mit der großen Masse der Bevölkerung23. Propagandistisch nutzte die fa¬ 
schistische Presse diese äußere Notlage dieser Menschen geschickt aus, um sie als 
"Gesindel" zu verunglimpfen bzw. ihre nationale Zuverlässigkeit in Frage zu stellen. 
21 
Vgl. P. Lempert, "Das Saarland den Saarländern!", S. 80-95 u. 517-522, Die frankophilen Organisa¬ 
tionen ebd, S. 123-409. 
22 S.Z. Nr. 4 v. 5.1.1935. 
23 Vgl. P. v.z. Mühlen, "Schlagt Hitler an der Saar!", S. 244-260. 
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