Full text: Migration und Urbanisierung

von Anmeldungen eingesetzt, große Schwierigkeiten bereitete das benutzte Durch¬ 
schlagpapier bei Korrekturen, die wiederum aufgrund ständig falsch geschriebener 
italienischer Namen häufig anfielen.45 Gemäß den Ermittlungen eines Regierungsbeamten 
kostete die Erstellung einer ordentlichen Meldung die Escher Fremdenpolizei im Jahre 
1910 mindestens 30 Minuten von der Originaldeklaration über zwei Kopien, den Eintrag 
ins Melderegister bis hin zum Versand der Kopien an die Ortspolizei und die Gen¬ 
darmerie.46 Bei diesem Zeitaufwand alleine zur Aufnahme eines einzigen Meldefalles 
ohne Berücksichtigung sonstiger Arbeiten, wie z.B. Korrekturen, Schriftwechsel oder 
Nachforschungen im Ausland, war es den personell unzureichend ausgestatteten 
Meldestellen schlechterdings unmöglich, den Wanderungsstrom, der im letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts durch ihre Städte floß, vollständig zu dokumentieren. 
Der von Jackson für Duisburg konstatierte systematische Erhebungsfehler von durch¬ 
schnittlich weniger als fünf Prozent nicht urkundenmäßig belegter Wanderungsfälle pro 
Jahr, der aufgrund vergleichbarer sozio-ökonomischer Strukturen auch für die Unter¬ 
suchungsgemeinden nicht unrealistisch sein dürfte, überrascht positiv, da diese Zahl im 
Gegensatz zur zeitgenössischen Skepsis gegenüber den selbst ermittelten Ziffern aus 
heutiger Sicht eine verhältnismäßige Exaktheit des Meidewesens im ausgehenden 19. 
Jahrhundert offenbart. Die Unterrepräsentanz sehr migrationsfreudiger Bevölkerungsteile, 
d.h. wohl vor allem junger, alleinstehender Angehöriger bestimmter Gruppen innerhalb 
der Unterschicht, kann die Ergebnisse der vorliegenden Studie also nicht grundsätzlich 
in Frage stellen. Auf eine eigene Analyse der Abmelderegister, die ausschließlich für 
Familienwanderer in Malstatt-Burbach vorliegen, wurde verzichtet. Dieser Teilaspekt 
wurde unter Einbeziehung der m.E. weniger problematischen Abmeldevermerke in den 
Anmelderegistem bearbeitet.47 
Die in allen Belangen besonders unbefriedigende Situation des Meldewesens in Esch/Alz. 
bis zum Ende der Untersuchungsperiode veranlagte in diesem Falle zum ergänzenden 
Rückgriff auf die luxemburgischen Volkszählungsakten. 
45 Vgl. ebda.: der Polizeikommissar von Düdelingen an seinen Escher Kollegen v. 24.10.1910. 
46 Vgl. ebda.: Bericht d. Regierungsrates Frauenberg im Auftrag d. Staatsministers u. d. Direktors 
des Innern v. Oktober 1910. Zur Abhilfe empfahl Frauenberg den Einsatz von Durchschlagpapier, 
wodurch er einen Zeitgewinn von 156 Bürotagen bei 300 Jahresarbeitstagen aufgrund einer 
fünfminütigen Zeitersparnis pro Meldefall errechnete. 
47 Die Abmeldevermerke in den Anmelderegistem berücksichtigen im Gegensatz zu den Ab- 
melderegistem auch nicht gemeldete Abzüge. Die Angaben sind zwar weniger ausführlich, doch 
erlauben sie im Rahmen einer sozio-strukturellen Analyse zumindest weitgehendere Rückschlüsse 
auf das Wanderungsverhalten aller mobilen Bevölkerungsteile. 
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