Full text: Migration und Urbanisierung

Ein zweiter Faktor war die Wiederentdeckung der Eisenerzvorkommen in Luxemburg 
und Lothringen in den 1820er Jahren bzw. deren industrielle Erschließung ab den 1850er 
Jahren. Die Existenz der räumlich zwischen 60 und 100 Kilometer getrennten Steinkohle- 
und Erzlagerstätten hätte sicherlich den historischen Industrialisierungsschub nicht 
bewirken können, wenn nicht durch den Bau eines umfangreichen Eisenbahnnetzes der 
Transport der jeweils fehlenden Grundstoffe zu den Eisenproduktionsstätten gewährleistet 
worden wäre. Ab den späten 1840er Jahren bis in die frühen 1870er Jahre erhielten die 
jungen Lndustriezonen an der mittleren Saar, im südlichen Luxemburg und im nördlichen 
Lothringen Anschluß an das internationale Schienennetz.3 Dies war unumgänglich, denn 
wegen des Phosporgehalts der lothringisch-luxemburgischen Minette-Erze (oolithische 
Erze) und der minderen Qualität der Saarkohle genügte nicht allein die Verkehrs¬ 
anbindung der benachbarten Saar-Lor-Lux-Standorte untereinander, sondern war der 
Import von sogenannten Alluvialerzen und Steinkohle aus anderen europäischen Revieren 
notwendig. 
Eine revolutionäre technologische Neuerung speziell für das Minettegebiet und das nahe 
Saarrevier bedeutete darum die Erfindung eines Verhüttungsverfahrens durch die Briten 
Thomas und Gilchrist im Jahre 1878, das die Verbrennung des Phosphors während der 
Produktion des sogenannten Thomasstahls und damit die stärkere Nutzung der regionalen 
Erze ermöglichte. Der luxemburgische Unternehmer Norbert Metz ("Metze Schmelz") 
erwarb als erster Kontinentaleuropäer die Lizenz auf das Thomas-Verfahren, gefolgt 
vom Saarindustriellen Stumm (Neunkircher Eisenwerk) und dem Lothringer Unternehmen 
de Wendel. 
Neben dieser gemeinsamen technologischen Basis war ausschlaggebend für die Genese 
starker regionaler Binnenstrukturen, daß zum einen durch die Einbeziehung Luxemburgs 
in den deutschen Zollverein (1842) und zum anderen durch die Annexion Elsaß-Loth¬ 
ringens durch das neugegründete Deutsche Reich (1871) ein einheitlicher politischer 
Rahmen für den Wirtschaftsraum Saarland-Lothringen-Luxemburg geschaffen wurde. 
Unabhängig von nationalen Grenzen hatten sich allerdings schon um die Mitte des 19. 
Jahrhunderts die führenden Industrieunternehmen in den jeweils benachbarten Teilregio¬ 
nen wirtschaftlich engagiert, indem sie Konzessionen auf Bodenschätze und Beteiligungen 
3 Vgl. allgemein Blaich, Fritz: Der Einfluß der Eisenbahnpolitik auf die Struktur der Arbeitsmärkte 
im Zeitalter der Industrialisierung, in: Wirtschaftspolitik und Arbeitsmarkt, hg. von Hermann 
Kellenbenz, München 1974, S.86-109 und speziell zum Saar-Lor-Lux-Raum: Fuchs, 
Eisenbahnnetze; Hoppstädter, Kurt: Die Entwicklung des saarländischen Eisenbahnnetzes als 
Voraussetzung für die Bildung des Wirtschaftsraumes an der Saar, in: Saarbrücker Hefte 
Nr.4/1956. 
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