Full text: Migration und Urbanisierung

mer und eine Küche im Erdgeschoß sowie eine Dachmansarde, 2.) eine Mieterfamilie 
lebte mit sechs Kindern in zwei Zimmern und Küche im Erdgeschoß (45 qm), 3.) eine 
zweite Mieterfamilie mit drei kleinen Kindern in einem Zimmer und Küche im Dachge¬ 
schoß (32 qm) sowie 4.) eine weitere Mieterfamilie mit 5 kleinen Kindern in zwei Zim¬ 
mern und Küche im Dachgeschoß (45 qm). Dieses Haus von 180 Quadratmetern Wohn¬ 
fläche, welches 32 Menschen beherbergte, also nur unwesentlich weniger als die drei 
Schlafhäuser der Burbacher Hütte zusammen, stufte die Stadtverwaltung als eines der 
besseren Domizile ein!171 Immerhin wurden im Hof dieses Hauses im Gegensatz zu 
einem anderen Fall keine freilaufenden Schweine gehalten. 
In der Nachbarstadt (AIt-)Saarbrücken war bereits im Jahre 1890/91 eine Feldstudie über 
die innerstädtischen Wohnbedingungen durchgeführt worden, aus welcher eine Liste von 
90 Häusern hervorgegangen war, "welche mit Personen überfüllt und nicht bewohnbar 
sein dürften".172 Es ist anzunehmen, daß sich die Situation am Industriestandort 
Malstatt-Burbach im Falle einer vergleichbaren Studie erheblich kritischer dargestellt 
hätte. 
Gegen die Einrichtung einer ständigen Wohnungsaufsicht wehrte sich die Industriestadt 
trotz des permanenten Drängens der übergeordneten Behörden nicht umsonst mit 
allerhand Ausflüchten aufs heftigste. Noch im Februar 1905 schrieb der Bürgermeister 
dem Regierungspräsidenten: "Von der Errichtung eines Wohnungsaufsichtsamtes wird 
einstweilen abgesehen, weil ein Bedürfnis (...) nicht vorliegen dürfte". Und noch im Jahre 
1908 lautete ein Stadtratsbeschluß: "Die Beschäftigung einer Wohnungsinspektion wird 
einstweilen nicht für erforderlich gehalten."173 Die Stadtverwaltung begnügte sich 
vorläufig mit der Einrichtung einer Wohnungsnachweisstelle.174 Der Verteilung dessen, 
was vorhanden war, wollte sich die Kommune gerne widmen. Die Erfassung der 
Mißstände unterließ man lieber, um gar nicht erst in Gefahr zu geraten, den allgemein 
offensichtlichen Handlungsbedarf selbst noch empirisch zu untermauern. 
171 Vgl. StadtA Sb, MB 375: Kurzprotokolle einer stichprobenartigen Wohnungsinspektion in 
der Von-der-Heydt-Straße, der Blumen- sowie der Wallenbaumstraße aus dem Jahre 1904. Im 
zitierten Fall betrug die Höhe der Räume im Erdgeschoß 2,80 Meter und im Dachgeschoß 2,50 
Meter. Niemand im Haus verfügte also über die z.B. im Düdelinger Bautenreglement als 
Minimum definierten 8 qm Wohnfläche pro Person, da den Mitgliedern der Hausbesitzerfamilie 
jeweils nur 4,9 qm zur Verfügung standen und den Mieterfamilien im Dachgeschoß jeweüs auch 
nicht mehr als 6,4 qm pro Person. Vgl. Lehners, Wohnen, S.51 u. S.55. 
172 Vgl. StadtA Sb, ASB 497: Bericht einer Spezialkommission über die Wohnungsverhältnisse 
in der Stadt v. 17Januar 1891. 
173 Vgl. ebda.: der Malstatt-Burbacher Bürgermeister an das RPTr v. 14.Februar 1905 sowie den 
Stadtratsbeschluß v. 30 Juli 1908. Auf das Insistieren des RPTr bekräftigte die Stadtverordneten¬ 
versammlung diesen Beschluß nochmals am 30.Oktober 1908. 
174 Vgl. ebda.: Stadtratsbeschluß zur Einrichtung eines Wohnungsnachweises v. 14.Juli 1904. 
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