Full text: Migration und Urbanisierung

4) Zunfthandwerker176 
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Diejenigen zuziehenden Handwerker, bei denen starke Bezüge zum traditionellen 
Zunfthandwerk festzustellen sind, wiesen einige Ähnlichkeiten mit den Dienstboten auf. 
Auch sie zählten im Schnitt gerade einmal 22 Jahre177; kaum einer war älter als 24 
Jahre; mehr als ein Drittel von ihnen (35,1%) war zwischen 17 und 20 Jahren alt. 90 
Prozent von ihnen kamen als Einzelwanderer. Konfessionell bekannten sich deutlich mehr 
als 40 Prozent (45,2%) der Zunfthandwerker zur evangelischen Kirche. Ihr Einzugsbereich 
beschränkte sich auf die 80-Kilometer-Zone um Malstatt-Burbach, wobei ein Zuzugs¬ 
schwerpunkt im Gegensatz zu den Dienstboten im Distanzgürtel von 30 bis 80 Kilome¬ 
tern, d.h. in der erweiterten Nahzone, lag. Die Dienstboten kamen unmittelbar aus dem 
urbanen Agglomerationsbereich der Saarstädte Saarbrücken, StJohann und Malstatt- 
Burbach. Die Herkunftsorte der Zunfthandwerker waren dagegen vorzugsweise noch rein 
ländlich geprägt oder nur wenig entwickelt. Unter den acht auffälligen Zuwanderer¬ 
gruppen stellten sie das relativ größte aus einem dörflich-agrarischen Milieu stammende 
Kontigent sowie die wenigsten Zuzügler aus Regionen mit einem gehobenen Ent¬ 
wicklungsniveau.178 Vergleichbar den Hausangestellten zeigten sich bei diesen 
Handwerkern typische saisonale Mobilitätsmuster: die meisten von ihnen blieben ungefähr 
ein halbes Jahr, Kurzaufenthalte von einer Woche bis zu einem Monat waren gängig, 
sehr selten verweilte man länger als ein Jahr in der Untersuchungsgemeinde. 
176 Innerhalb der Handwerkerschaft werden zwei Untergruppen unterschieden. Zum einen ist ein 
Personenkreis zu fassen, der sich mit den Attributen -geselle bzw. -lehrling belegte. Diese 
berufliche Selbstbezeichnung läßt auf eine soziale Herkunft und fortgesetzte Bindung dieser 
Gruppe an herkömmliche Ausbildungsgänge und Hierachien in Berufen des traditionellen 
Zunfthandwerks schließen. Sie wird deshalb hierunter dem abstrahierenden BegnfiZunfthandwerk 
geführt. 
Das Zunfthandwerk wurde durch die Gruppe der industrialisierten Handwerker kontrastiert. Es 
handelte sich dabei nicht per se um Industriehandwerker, welche in der vorliegenden Studie als 
Facharbeiter (hochqualifizierte Industriearbeiter) firmieren, sondern um Arbeiter in Hand¬ 
werksberufen, deren berufliche Eigenbezeichnung (z.B. Schreiner, Schmied usw.) keine weitere 
Spezifizierung enthielt, die sich selbst also offensichtlich nicht mehr in die klassische Hierarchie 
Meister, Geselle, Lehrling einordneten und deren Tätigkeitsbereich gegenüber vorindustriellen 
Arbeitsfeldern mehr oder minder industrielle Charakteristika aufgewiesen haben dürfte - sei es 
durch eine Anstellung im örtlichen Hüttenwerk (Burbacher Hütte) bzw. in einem der mittleren 
Industrieunternehmen (Maschinenfabrik Ehrhard & Sehmer, Waggonbau Lüttgens, Eisengießerei 
Müller u.a.), sei es durch die indirekte Abhängigkeit eines sie beschäftigenden handwerklichen 
Zulieferbetriebs vom industriellen Produktionsprozeß. 
177 Standardabweichung: 6,9 Jahre. 
178 Aus Kreisen mit den ökonomischen Rangparametem 1 oder 2 kamen 14,6% der Zunft¬ 
handwerker, aus Kreisen der Kategorien 3 oder 4 383% und aus Kreisen der Kategorien 5 bis 
7 relativ bescheidene 47,1%. 
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