Full text: Migration und Urbanisierung (23)

Das Wanderungsgeschehen im Untersuchungsgebiet wird trotz der Existenz einer 
gewissenkontinentalenFemwanderungskomponente(Italiener, Auslandspolen, Amerika¬ 
wanderer), und obwohl es sich um ein grenzübergreifendes Phänomen handelte, bewußt 
als "Binnenwanderungsbewegung" bezeichnet. Denn gerade wegen der grenzüber¬ 
schreitenden Perspektive der Studie erscheint die übliche Betrachtung nationalstaatlicher 
"Binnenwanderungsströme" unangebracht. Der Begriff "Binnenwanderung" meint im 
gegebenen Falle die europäisch-kontinentale Binnenwanderungsbewegung, welche die 
Saar-Lor-Lux-Region als integralen Bestandteil des industriell geprägten, westeuropäi¬ 
schen Wirtschaftsraumes tangierte und die von der transatlantischen bzw. kolonialen Mi¬ 
gration deutlich zu unterscheiden ist. 
Neben der Auseinandersetzung mit der Migrationsthematik als solcher richtet sich das 
Erkenntnisinteresse der Studie schwerpunktmäßig auf die städtebildnerische Dimension 
des Migrationsprozesses. Die Zuwanderungen in die industriell-urbanen Agglomerations¬ 
zonen Malstatt-Burbachs, Diedenhofens und Eschs stellten einen entscheidenden Faktor 
zur Ausbildung sozialräumlicher Strukturen dar. Städtewachstum und Viertelbildungs¬ 
prozesse liefen unter einem permanenten und bis 1914 ständig zunehmenden Immigra¬ 
tionsdruck ab. Räumlich entwickelten sich die Untersuchungsgemeinden - anders als 
Großstädte wie Berlin, Hamburg oder Wien - zwangsweise weitgehend als offene 
Urbanisationsfelder auf dem schmalen Grat zwischen Wildwuchs, einigen wenigen stadt¬ 
planerischen Ansätzen und baupolizeilichen Reglementierungsversuchen. Aufgrund ihres 
urbanen Charakters, d.h. wegen der nach Einsetzen der Industrialisierung hochschnellen¬ 
den Einwohnerzahlen, der Ausbildung einer jeweils differenzierten Gewerbelandschaft 
einschließlich eines umfangreichen Warenverkehrs und des Aufbaus städtischer Lei¬ 
stungssysteme mit Gas-, Wasser-, Stromversorgung, einer aktiven Verkehrspolitik sowie 
der Installierung zahlreicher betrieblicher und kommunaler Sozialeinrichtungen (Kranken¬ 
anstalten, Kindergärten, Haushaltungsschulen usw.), werden die drei Kommunen in der 
Studie prinzipiell auch schon vor ihrer juristischen Stadtwerdung als "Städte" bezeichnet.4 
Mit der vergleichenden Betrachtung von Migrations- und UrbanisierungsVorgängen in 
Malstatt-Burbach, Diedenhofen und Esch/Alz. ist mehr beabsichtigt, als einige grundle¬ 
gende Forschungslücken in der Regionalgeschichtsschreibung zu schließen. Sicherlich 
leistet die Studie ihren eigenen Beitrag zur Aufarbeitung bislang recht wenig beachteter 
Aspekte sowohl der Sozial- als auch der Stadtgeschichte von Saarland, Lothringen und 
Luxemburg. Ihre überregionale Relevanz gewinnt die Untersuchung jedoch dadurch, daß 
durch die Themenwahl und Herangehensweise an den Forschungsgegenstand auf breiter 
Linie methodisches Neuland betreten wird. 
4 Diedenhofen hatte bereits vor der Industrialisierung den Rang einer Kreisstadt bzw. war in 
französischer Zeit vor 1870 "chef-lieu d'un arrondissement". Malstatt-Burbach erwarb im Jahre 
1875 das Stadtrecht und Esch/Alz. wurde im Jahre 1906 zur "ville" erhoben. 
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