Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

wesen seien, 1431 — pünktlich zum Zeitpunkt der Etablierung der Kartause —wieder auf¬ 
gefunden wurden.80 Eine vorschnelle, brüske Zurückweisung der Effetia-Überlieferung 
ist dennoch nicht angebracht. Die Abtei St. Sixtus in Rettel kann durchaus zwei bis drei 
Generationen vor der Ersterwähnung durch Regino von Prüm zum Jahr 892 gegründet 
worden sein. So verweist Müller mit Recht auf die Lage Retteis in einem siedlungsge¬ 
schichtlich sehr alten Raum; eine Besitzausstattung mit karolingischem Haus- bezie¬ 
hungsweise Fiskalbesitz sei wahrscheinlich und damit auch eine Gründung aus dem Um¬ 
feld des Herrschers.81 Wiltheim bleibt jedoch der früheste Autor, der den Wortlaut der be- 
nediktinischen Überlieferung zumindest paraphrasiert.82 Die Annahme einer verlorenge¬ 
gangenen „Notitia fundatioms“ muß bei der anerkannt schlechten Quellenlage Postulat 
bleiben.83 Immerhin vermag sie gestützt zu werden durch die eigentümliche Formulierung 
einer Urkunde von 1182: Cum ertim ecclesia Rutilensis a primis fundamentis exterioribus 
copiis habundaverit. . .84 Dieses Schriftstück fällt in die Amtszeit des Abtes Folmar, der 
in dieser Funktion bereits 1157 als Zeuge in einer Urkunde Kaiser Friedrichs I. für den 
Trierer Erzbischof Hillin belegt ist.85 Die realen Verhältnisse in Rettel waren durchaus 
nicht glänzend, doch zehrte die Abtei noch von dem Ruhm, den Besuch Bernhards von 
Clairvaux erfahren zu haben, zu dessen Andenken auch ein Bild gefertigt wurde.86 In 
dieser Phase einer gesteigerten Sensibilität für die eigene Vergangenheit mag es in Rettel 
zur Fixierung der Gründungsüberlieferung gekommen sein, beruft man sich doch auch im 
gerade 22 Kilometer entfernten Busendorf zu jener Zeit auf florente adbuc copia 
mundi. . .87 
Die Anstrengungen der Retteier Mönche, ihren Gründungsbericht durch die Auffindung 
des Grabes der Effetia zu verifizieren, blieben letztlich erfolglos; zu all den Spekulationen, 
80 AD MoselleH3567bis, S. 3ff. unter der Überschrift Qualiter reliquiae sacrae et unde hoc venerint, 
bic prout ab antecessoribus didicimus 
81 Müller, Quellen, S. lf.; vgl. auch Hoppstädter/Herrmann, Geschichtliche Landeskunde, S. 80; 
dies auch die Tendenz Paulys, dessen Behauptung „An der karolingischen Gründung ist nach dem 
Befund der Ausgrabungen . .. wohl nicht zu zweifeln“ (Landkapitel Perl, S. 162) jedoch nicht 
schlüssig ist. 
82 Wiltheim scheint an diesem Fragenkomplex reges Interesse genommen zu haben. AD Moselle H 
3567bis, S. 15f., überliefert Briefe von ihm an die Retteier Patres (einer datiert auf den 13. Mai 
1644), in einem Brief an Jean Bollandus vom 29. 11. 1642 (Bibi, des Boilandistes, Ms. 130, f. 62) 
weist er auf den „Rutila“-Beleg bei Regino von Prüm hin. J. -J. Chifflet bittet in einem Schreiben 
an Wiltheim vom 8. 2. 1647 (BN Luxemburg, Ms. 631, f. 64) um eine Kopie der Inschrift aus 
Rettel. Zu der Korrespondenz Wiltheims vgl. allg. Müller, Correspondance. 
83 Das Kloster wurde 1351/52 von Metzer Truppen verwüstet, die Kartause 1552 und 1566 durch 
Brände verheert, s. Müller, Quellen, passim. 
84 Müller, Quellen, Nr. 12 
85 MGH DD FI, Nr. 156, S. 269 
86 Mitteilung des Priors Peter Hayman (1614-32) nach Hoffmann, Kloster Rettel, S. 8. Vom Kontext 
her bleibt offen, ob Hayman die mittelalterliche Ausstattung der Abteikirche meint oder auf eine 
Errungenschaft seiner Amtszeit anspielt. Letzteres ist wahrscheinlicher, da viele Kartausen gerade 
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Auftraggeber von Heiligengemälden erscheinen, vgl. 
H. Rüthing, Der Kartäuser Heinrich Egher von Kalkar 1328-1408 (Studien zur Germania Sacra 
8), Göttingen 1967, S. 225f. Im herzoglichen Lothringen jener Jahre sind auch spanische künstle¬ 
rische Einflüsse nicht auszuschließen, s. u. S. 125, Anm. 20 u. P. Guinard, Zurbaran et les peintres 
espagnols de la vie monastique, Paris 1960. 
87 MGH SS XV,2, S. 977, Z. 29f. 
121
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.