Full text: Die monastische Schriftkultur der Saargegend im Mittelalter

Zur Konzeption der Arbeit 
Claustrum sine armario est quasi castrum sine armamentarioDieses bekannte Bonmot 
des Stiftsherrn Gottfried von Sainte-Barbe-en-Auge in der Normandie (um 1170) spricht 
jene Bereiche klösterlichen Lebens an, um die auch die folgenden Kapitel kreisen : Biblio¬ 
thek und Skriptorium. Oder, um es gewissermaßen mathematisch knapper zu formu¬ 
lieren: Ziel der Untersuchungen ist es, die mannigfachen Ausdrucksformen „literarischer 
Überlieferung“ zu erfassen und zu analysieren, sofern sie das Werk schreibender Kon¬ 
ventsangehöriger der Klöster und Stifte der Saargegend sind.2 Gleichzeitig möchte sich die 
Studie als Spezialbibliographie zur mittellateinischen Literaturgeschichte dieser Region 
verstehen, womit ich einer unlängst ausgesprochenen Anregung W. Berschins folge, der 
ähnliches für die freilich ungleich reichere Geschichtslandschaft des Bodenseeraumes vor¬ 
gelegt hat.1 3 Nur ganz am Rande spielt die volkssprachliche Dichtung und Literatur hinein, 
hier sind einige Texte aus der Feder des in Rettel wirkenden Kartäusers Adolf von Essen 
hervorzuheben. Für den Versuch, den Typus einer regionalen Quellenkunde zu verwirk¬ 
lichen, ist die inventarische Gesamterfassung auch apokrypher Schriften unumgänglich. 
Bei der Differenzierung genuin literarischer Quellen von den „Handlungstexten“ der Ver- 
waltungs- oder Gerichtspraxis sei neben den Aussagen solch einschlägiger Quellen¬ 
kunden wie der von van Caenegem/Ganshof auch auf das jüngere Klassifikationsmuster 
der „Textsorte“ hingewiesen, die dem Mediävisten ein geschmeidiges Instrumentarium 
für die Arbeit mit nichturkundlicher Überlieferung zur Hand gibt.4 In der Folge reicht das 
Spektrum der hier untersuchten Texte von der Heiligenvita und Wunderberichten5 über 
liturgische Gebrauchsformen hin zu Gründungsberichten, Schriften für den Schul- und 
Wissenschaftsbetrieb, Gedichten und Epitaphien. 
Auf ein rigide gehandhabtes Untersuchungsschema, das auf den ersten Blick der ange¬ 
strebten Katalogfunktion adäquat erscheinen mag, wird bewußt verzichtet; strukturie¬ 
rendes Element sind vielmehr übergreifende Fragestellungen, vorzugsweise die Identifi¬ 
1 Godefridi epist. 18 ad Petrum Mangot OCist., PL 205, Kol. 845 A. Vgl. den Titel der Untersuchung 
von R. Kottje, Claustra sine armario? Zum Unterschied von Kloster und Stift im Mittelalter, in: 
Consuetudines Monasticae (Festschrift K. Hallinger), hrsg. v. J. F. Angerer/J. Lenzenweger (Studia 
Anselmiana 85), Rom 1982, S. 125-144 
2 Für eines der seltenen Beispiele aus dem säkularen, volkssprachlichen Bereich vgl. jüngst Herr¬ 
mann, Aufzeichnungen. Herrmann geht von einer Abfassungszeit um 1476/77 aus. - Der „Saar¬ 
raum“ als Untersuchungsgebiet der Arbeit sei auf drei Dimensionen definiert: 
— geographisch als Einzugsgebiet der Saar (Nied-, Rossel- und Bliestal) 
— historisch als Teil des „Westrich“ (vgl. hierzu Herrmann, Territoriale Verbindungen, v.a. 
S. 166-170; Hoppstädter/ Herrmann, Geschichtliche Landeskunde, S. 529 (mit Rückgriff auf K. 
Pöhlmann); Uhlhorn, Land an der Saar, S. 141) 
— politisch mit den Grenzen des heutigen Bundeslandes Saarland, dessen vor allem im Westen will¬ 
kürliche Grenzen von 1815 um einen „Suchfächer“ von etwa 10 km Luftlinie erweitert wurden. 
3 Berschin, Eremus und Insula, S.l 
4 Van Caenegem/Ganshof, Quellenkunde, S. llf. u. S. 43ff.; Hüpper, Buoh und scrift, v.a. S. 102L; 
Textsorten, passim. 
5 Zu gezielt hagiographischen Fragestellungen vgl. die neueren Arbeiten von Boesch-Gajano 
(Hrsg.), Agiografia altomedievale, und von Boyer, Typology. Über jüngste Forschungsanstren¬ 
gungen auf dem Gebiet einer „Inventarisierung“ westeuropäischer hagiographischer Texte infor¬ 
mieren Sigal, Travail, u. Dolbeau/Heinzelmann/Poulin, Sources hagiographiques. Wertvoll 
bleiben die Monographie von Aigrain, Hagiographie, und der Beitrag von Lampen, Heiligenleben. 
Eine einfühlsame Darstellung des Phänomens „Heiliger“ bei Günter, Hagiographie. 
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