Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

Die Nachteile der geschilderten Entwicklung trugen in erster Linie die kleinen Gewer¬ 
betreibenden und Handwerker. Die fehlende geeignete Antriebskraft für das Hand¬ 
werk vor der Anwendung elektrischer Energie war eine der Hauptursachen für die 
Rückständigkeit der handwerklichen Produktionsweise gegenüber der maschinellen 
Großproduktion der Fabrikbetriebe, die Dampf- oder Gasmaschinen zur Verfügung 
hatten142. Das Fehlen einer notwendigen umfassenden technischen Betriebseinrich- 
tung mit modernen Arbeits- und Antriebsmaschinen hatte sowohl einen Rückgang der 
handwerklichen Produktion wie auch des Handwerks selbst zur Folge. Immer größere 
Teile der Herstellung verlagerten sich auf die Großunternehmen zuungunsten der 
mittleren und kleinen gewerblichen Betriebe. Innerhalb der Gesamtwirtschaft sanken 
Anteil und Einfluß des Handwerks so bedenklich, daß in weiten Kreisen mit einem 
langsamen, aber sicheren Niedergang des Handwerks gerechnet wurde143. Dieser ne¬ 
gativen Entwicklungstendenz setzte vor allem die Einführung des Elektromotors im 
Kleingewerbe ein Ende. Die aufgezeigten Vorteile der elektrischen Energie kamen im 
Elektromotor als Kleinbetriebskraft den Handwerksunternehmungen entgegen, da 
sich Elektromotoren aufgrund ihrer Leistung, Bauart und Bedienung besonders für die 
Kraftbedürfnisse des Handwerkers eigneten. Das Kleingewerbe konnte durch die mo¬ 
torische Verwendung des neuen Energieträgers Elektrizität seine Arbeitstechnik und 
seinen Produktionsapparat verbessern, seine Arbeitsproduktivität steigern und da¬ 
durch seine Stellung innerhalb der Gesamtwirtschaft wieder festigen144. 
Voraussetzung für den wirtschaftlichen Einsatz des Elektromotors im Handwerk war 
allerdings eine vorhandene öffentliche Elektrizitätsversorgung, da zwar auch die 
Eigenerzeugung alle genannten Vorteile der neuen Betriebskraft erbrachte, für den 
kleinen Gewerbetreibenden aber in der Regel viel zu kostspielig war145. Tabelle 4 
weist die kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der aufstrebenden Kleinstadt Merzig vor¬ 
handenen Anlagen zur Eigenerzeugung von elektrischer Energie auf146. Neben eini¬ 
gen kleinen Fabriken nutzten vor allem Gaststätten und Hotels den Strom für die 
hohes Prestige ausstrahlende elektrische Beleuchtung (vgl. auch Kap. I.4.b.c). Für reine 
Handwerksbetriebe war der neue Energieträger zur eigenen Herstellung offensichtlich 
zu teuer. War dagegen eine öffentliche Elektrizitätsversorgung vorhanden, rüsteten 
viele Handwerker trotz anfängliche hoher Strombezugspreise ihre Maschinen auf elek¬ 
trischen Antrieb um und sicherten damit häufig die Existenz ihrer Betriebe147. Bevor¬ 
zugt waren anfangs vor allem die Kleingewerbetreibenden der Städte, da hier die 
142 Vgl. Wilderer (1937), S. 12; Eswein (1910), S. 12lff.; Raps (1914), S. 76f.; Sand 
(1926), S. 33f.; Bucerius (1936), S. 9ff.; Henniger (1980), passim, vor allem S. 147ff. 
Auch im nordamerikanischen Handwerk spielte der Elektromotor eine große Rolle, 
vgl. Netschert (1967), S. 247. 
143 Fischer (1976), S. 560f. 
144 Ebd., S. 539; Historische Energiestatistik von Deutschland, Band I (1986), S. Vff.; vgl. auch 
H ammel (1910) mit ausführlichen und zahlreichen Anwendungs- und Berechnungsbei¬ 
spielen; Bucerius (1936), S. 1; Das deutsche Handwerk (Generalbericht)(1930), S. 191. 
145 Bucerius (1926), S. 99f. 
146 Vgl. zu Merzig: Laubenthal (1971), S. 16ff.; Diwersy (1971), S. 133f. 
147 Vgl. beispielsweise „Kunsthandlung und Einrahmungsgeschäft“ J. Schmidt in Saar¬ 
brücken, der 1902, acht Jahre nach Eröffnung des Betriebes, die Produktionsstätten elektri¬ 
fizierte ( Handel und Industrie, 1924, S. 226); vgl. ebd., S. 225f., Juweliergeschäft Friedrich 
Kraemer Saarbrücken (vgl. auch Kap. I.4.b u. c). 
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