Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

Export für das gesamte Saarland bringen sollte. Er rechnete mit einem Erlös von 60 
Cts./kWh, nach damaligem Kurs etwa 12 Rpfg., so daß eine später gesteigerte Ausfuhr- 
leistung von 50 MW und mehr bei angenommenen 4.000 Benutzungsstunden der Ver¬ 
waltung des Saarlandes etwa 14,4 Mio RM/a als Auslandsguthaben in Frankreich ein- 
bringen würden. Vorausgesetzt war dabei eine Berechnung der kWh für die VSE mit 
5 Rpfg. Als weiteren positiven Impuls für die Wirtschaft des Saarlandes führte Keßler 
die Lieferung von rund 14 MW an die Pfalzwerke über das Kraftwerk Homburg an, 
da der Hauptlieferant der Pfalzwerke, das Großkraftwerk Mannheim, zum einen in 
der amerikanischen Besatzungszone lag, zum anderen wegen Kohlemangels fast ganz 
außer Betrieb war. Hier stand zwar nicht der Erlös von Devisen im Vordergrund, aber 
über Kompensationsgeschäfte, beispielsweise Strom gegen Lebensmittel, sollten auch 
die Lieferungen in die Pfalz zum Gesamtwohl der saarländischen Bevölkerung bei¬ 
tragen. 
Ausdruck der unsicheren Zukunftslage im Herbst 1945 waren auch die Ausführungen 
Keßlers zur Situation im Versorgungsgebiet rund um die Stadt Saarbrücken, wo der 
Kleinkonsum an elektrischer Energie erstaunlicherweise weitenteils — im Gegensatz 
beispielsweise zur der Gasversorgung, die in größerem Umfang noch nicht wiederher¬ 
gestellt war — bereits über den Werten von 1944 im vergleichbaren Zeitraum lag. Ursa¬ 
che hierfür war der durch die starken Zerstörungen bedingte Rückgang der Saar¬ 
brücker Bevölkerung von 120.000 Anfang September 1939 auf gerade noch 60.000 Per¬ 
sonen sechs Jahre danach20. Die meisten der Ausgebombten bezogen in der Nähe der 
Stadt Quartier und trugen somit zum erhöhten Absatz der VSE bei. „Da irgendwelche 
Pläne zum Wiederaufbau der Stadt Saarbrücken nicht vorliegen“, resümierte Keßler, 
schien eine dauerhafte Steigerung des Kleinverbrauchs im genannten Gebiet für die Zu¬ 
kunft voraussehbar. Dies sind für uns heute fast unvorstellbare Gedanken, doch ange¬ 
sichts einer eventuellen Durchführung des Morgenthau-Planes (der Verzicht der Alli¬ 
ierten hierauf war damals natürlich noch nicht bekannt), lagen sie unter den Zeitum¬ 
ständen durchaus im Bereich des Möglichen. Die Situation entwickelte sich jedoch 
ganz anders als damals vorausgeplant. Saarbrücken wurde wieder aufgebaut, und statt 
der erhofften Einnahmen aus den Stromlieferungen nach Frankreich und in die Pfalz 
ergaben sich zunächst hohe Verluste. Zur Ausfuhr in 65 kV nach Carling waren ab 
16.01.1946 Lieferungen in 35 kV von Geislautern nach Petite-Rosselle hinzugekom¬ 
men. Anfang April hatte die von der VSE vorgehaltene Summe für den Stromexport 
bereits rund 2,2 Mio RM erreicht, weshalb sich das Unternehmen mehrfach um Unter¬ 
stützung an das Regierungspräsidium Saar und an Colonel Grandval in seiner Eigen¬ 
schaft als Gouverneur de la Sarre wandte, um zumindest eine Abschlagszahlung für die 
Stromexporte zu erhalten21. Bei Gestehungskosten ab Wehrden von damals rund 3,5 
Reichspfennig pro kWh (einschließlich Verluste) gestand die französische Militärregie¬ 
rung in einer Abmachung vom 08.04.1946 lediglich 2,2 RPfg./kWh zu22. Dabei legte 
die französische Behörde außerordentlichen Wert auf die Feststellung, daß es sich bei 
20 Nach der zweiten Evakuierung am 06.12.1944 waren noch lediglich 600 Bewohner in der 
Stadt. Bis zum 01.05.1945 hatte sich die Einwohnerzahl bereits wieder auf über 17.000 er¬ 
höht; vgl. Eckel (1985), S. 205. 
21 LA Sbr. MW 561, 31.10., 27.12.1945, 11.02., 06.03.1946. 
22 Ebd., 08.04.1946. 
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