Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

spannwerk Püttlingen (Lothringen) eine Distanz von 19 km zu überwinden hatten und 
zudem nur 14 statt der geforderten 18 MW hätte liefern können70. In der Folgezeit 
versuchte der ehemalige Prokurist der Pfalzwerke und damalige Direktor der West¬ 
markwerke in Metz, Kelchner, der zugleich Vorsitzender der Rüstungskommission 
Xüb des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion war, durch fortlaufende 
Interventionen gegen die Berechnungen und Projektierungen der VSE die Stromver¬ 
sorgung des Rüstungsbetriebes Kalk doch noch für die Pfalzwerke/Westmarkwerke 
zu gewinnen71. Die Beanstandungen Kelchners gipfelten schließlich im Vorwurf an 
den VSE-Vorstand, ungenügendes „Verantwortungsgefühl gegenüber der Stromabga¬ 
be an Rüstungsbetriebe“ zu zeigen und eine „bewußte Irreführung“ zu versuchen, zu 
Kriegszeiten ein schwerwiegender Vorwurf, der bereits in die Nähe der Sabotage ging. 
Die Bauausführung zog sich folglich immer mehr in die Länge. Ein von der Preußen¬ 
elektra zur Beschleunigung des Verfahrens beauftragter Gutachter stellte fest, daß 
Kelchner „nicht genügend elektrotechnische Fachkenntnisse“ aufweise. Der Reichs¬ 
lastverteiler in Berlin mußte zudem nach Saarbrücken reisen, um vor Ort die Anlagen 
zu inspizieren. Erst eine Beschwerde der VSE bei Albert Speer, zuständiger Reichsmi¬ 
nister für Rüstung- und Kriegsproduktion und Generalinspektor für Wasser und Ener¬ 
gie, veranlaßte Kelchner zu einem Rückzug von seinen unhaltbaren Standpunkten. 
Mittlerweile war der Juni 1944 gekommen, bevor „Kalk“ durch eine in höchster Eile 
errichtete Holzmastleitung an das Netz der VSE angeschlossen war. Auch hier verhin¬ 
derte die nahende Front die Betriebsaufnahme einer in Anbetracht der von allen Seiten 
bedrängten deutschen Truppen sinnlosen neuen Rüstungsproduktionsstätte: das 
Kriegsende zeichnete sich unübersehbar ab. 
4. Das Ende des Krieges 
Das Saarland lag von Beginn des Krieges an im Bereich der westlichen Luftstreitkräfte. 
Die französische Luftwaffe hatte sich auf Aufklärungsflüge und geringe Angriffe be¬ 
schränkt. Erst in der Nacht vom 29./30. Juli 1942 erfolgte der erste schwere Angriff 
britischer Bomber auf Saarbrücken72. Ab dem Jahre 1944 steigerten sich die Angriffe 
ständig, wobei derjenige auf Saarbrücken vom 05./06. Oktober 1944 der schwerste auf 
eine saarländische Stadt war73. Bei diesem Luftangriff wurde auch das Geschäftsgebäu¬ 
de der VSE in der Langemarckstraße 19 (Saaruferstraße) völlig zerstört. Die Verwal¬ 
tung mußte daraufhin auf verschiedene Büroräume in der Stadt verteilt werden. Am 
05. Dezember 1944 verließ die VSE wegen der Evakuierung Saarbrückens, die ab dem 
70 VSE-AHV, Nachlaß Keßler, unsigniert; LA Speyer Best. R16, Nr. 155,157,158,609 („Kalk“ 
und „Saar“). 
71 Kelchner hatte bereits bei der Übernahme der Elektrizitätsversorgung Lothringens durch 
die WMW ein ihm und vielen anderen NS-Vertretern eigenes Rechtsverständnis gezeigt. Auf 
die Einsprüche der SALEC gegen die Aufhebung ihrer Konzession äußerte Kelchner: „Recht 
ist das, was wir als richtig empfinden“ und „die Macht muß das Recht schützen“ (BA R 4/24, 
p.2f.). 
72 Hierzu und im folgenden: Herr mann (1972), S. 42f.; Seck (1979), S. 44ff.; dies., Kriegs¬ 
ende, in: Seck (1986), S. 5ff.; Oldenhage (1980), passim. 
73 Eckel (1985), S. 154ff. 
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