Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

(vgl. Tab. 45). Zusätzlich bemängelte das Unternehmen die Berechnungsgrundlagen 
des Gutachtens in zahlreichen Fällen, das aufgrund unterschiedlicher Abschreibungs¬ 
quoten und unterschiedlicher zeitlicher Festsetzungen einen Vergleich sehr erschwerte 
und die PW/WMW ungerechtfertigt hoch bewertete. Die Wirtschaftsberatungs-AG 
versprach daraufhin bis zur letzten Septemberwoche ein Ergänzungsgutachten, in dem 
die Kritikpunkte der VSE wie der WMW berücksichtigt werden sollte. 
Dieses Hin und Her war dem stellvertretenden Gauleiter Leyser, der gleichzeitig als 
Aufsichtsratsvorsitzender von VSE und PW/WMW fungierte, offensichtlich zuviel. 
Er verlangte von den Aufsichtsratsmitgliedern beider Unternehmen, daß sie sich in 
jeder strittigen Frage der endgültigen und unwiderruflichen Entscheidung des Gaulei¬ 
ters und Reichsstatthalters Bürckel zu beugen hätten und die Fusion definitiv zum 
01.10.1941 erfolgen müsse34. Mit dieser Lösung wären die PW/WMW eindeutig bes¬ 
ser gefahren, denn abgesehen von den aufgrund des größeren Versorgungsgebietes hö¬ 
heren Anlagewerten stand die VSE mit ihrer erheblich besseren Ertragslage günstiger 
dar. Die WMW fürchteten vor allem die niedrigen Strompreise im Saarland, die bei den 
Tarifabnehmern um rund 25% unter denjenigen der Pfalz lagen. Ferner hatten die PW 
ihren Sonderkunden eine Meistbegünstigungsklausel gewährt, nach der diesen die je¬ 
weils billigsten Strompreise zustanden. Die Klausel verringerte den Wert der entspre¬ 
chenden Stromlieferungsverträge, da in einer fusionierten Gesellschaft die Großkun¬ 
den Anspruch auf die günstigen Bezugspreise des VSE-Gebietes erheben konnten. 
In dieser für die VSE schier aussichtslosen Situation leisteten die Aufsichtsrats- 
Vertreter der einflußreichen Preußischen Elektrizitäts-AG Schützenhilfe, indem sie 
Gauleiter Bürckel einen Eingriff in ihre Rechte als Aktionäre der VSE rundweg 
absprachen35. Der Widerstand zeigte Erfolg: Bürckel wollte es in dieser Situation of¬ 
fensichtlich nicht auf eine Machtprobe ankommen lassen, sondern verlangte notge¬ 
drungen erneute Verhandlungen. Als weitere Schutzmaßnahme untersagte der Auf¬ 
sichtsrat auf Betreiben der Preußenelektra dem VSE-Vorstand Verhandlungen mit den 
WMW über eine Fusion und behielt sich diese ausdrücklich selbst vor. Zum Mitglied 
einer entsprechenden Kommission wurde der Preußenelektra-Vertreter Karl Wolter 
bestellt. Dessen Persönlichkeit garantierte, daß zumindestens auf Gauebene nicht wie¬ 
der ultimative Forderungen an die VSE erhoben wurden. Mit der Trennung der eigent¬ 
lichen Fusionsverhandlungen von Besprechungen aufgrund des Interessengemein¬ 
schaftsvertrages von 1935/36 unterlief die VSE das Vorhaben der WMW, verschiede¬ 
nen Themenbereichen zugehörende Diskussionspunkte miteinander zu vermengen 
und auf diesem Wege Druck für eine baldige Fusion auszuüben. Streitpunkte dieser Art 
waren beispielsweise die Wehrden-Beteiligung der VSE und Stromlieferungsverträge 
mit Wehrden sowie der Saargruben AG36. Die Taktik der VSE, Zeit zu gewinnen und 
bis zu einer eventuell anstehenden Zwangsfusion wirtschaftlich möglichst gut dazuste¬ 
hen, schien vorerst aufzugehen. 
Am 21.01.1942 startete der Generalinspektor für Wasser und Energie, Todt, auf Betrei¬ 
ben der Westmarkwerke den Versuch, mittels eines erneuten Gutachtens die „drin¬ 
gend erforderliche Verschmelzung der WMW mit der VSE aus energiewirtschaftlichen 
34 VSE-AHV, Ultimatum v. Leyser. 
35 VSE-AHV, Preußenelektra contra Leyser, verschiedene Aufsichtsratsprotokolle. 
36 VSE-AHV, Wehrden (Vertrag Nr. 581), Saargruben AG (Vertrag Nr. 611). 
224
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.