Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

mußte bis auf wenige Nottrupps vollständig geräumt werden. Hauptverwaltung Saar¬ 
brücken und Hauptlager Saarlouis wurden in Notunterkünfte nach St. Wendel und in 
andere umliegende Orte verlegt. In den ersten Tagen konnte die öffentliche Versor¬ 
gung nur notdürftig aus provisorischen Anschlüssen in St. Wendel und Rentrisch 
sowie vom Kraftwerk Luisenthal erfolgen, da die Kraftwerke Fenne und Wehrden still¬ 
gelegt waren. Der 20/40 MVA-Transformator der VSE in Wehrden wurde in Weiher 
aufgestellt, um aus der 100 kV-Leitung Idar-Oberstein-Weiher-Dechen-Kraftwerk 
Homburg Strom zu beziehen. Die genannte Leitung war in der kurzen Zeit von nur 
drei Monaten im Herbst 1939 auf Anordnung des Reichswirtschaftsministeriums 
durch das RWE erbaut worden und sollte die Wasserhaltung der Gruben des Saarre¬ 
viers sicherstellen, falls die Stromerzeugung der einheimischen Kraftwerke durch 
Kriegseinwirkungen gestört würde6. Ein weiterer Notanschluß zur vorläufigen Si¬ 
cherstellung der Versorgung erfolgte in St. Ingbert an das Netz der Pfalzwerke. 
Die Räumung des überwiegenden Teils des Versorgungsgebietes der VSE zeigte deutli¬ 
che Auswirkung auf den Stromabsatz, der von 1938 auf 1939 um rund 15% zurückging 
(vgl. Tab. 44). Dieser Rückgang entfiel allein auf die vier Monate nach Kriegsausbruch, 
denn bis einschließlich August 1939 lagen die Werte noch erheblich über denjenigen 
des Vorjahres. Mehr als drei Viertel aller B-Gemeinden der VSE waren geräumt wor¬ 
den. Für ihre fehlende Stromabnahme bot die Belieferung an militärische Einrichtun¬ 
gen und Bauten im Frontgebiet nur einen geringen Ausgleich. Nach kurzer Verhand¬ 
lungsdauer gestand die Militärverwaltung sämtlichen Energieversorgungsunterneh¬ 
men lediglich einen kWh-Preis von 8 Reichspfennig für „kriegsmäßige Objekte“ zu, 
der keinen Nutzen abwerfen konnte7. Das Ansteigen des Durchschnittserlöses pro 
kWh (vgl. Tab. 43) ist dadurch zu erklären, daß der Anteil von Lichtstrom überdurch¬ 
schnittlich hoch an der Gesamtabgabe beteiligt war, da sämtliche Industriebetriebe in¬ 
nerhalb der „Roten Zone“ ebenfalls evakuiert wurden und folglich der fehlende Indu¬ 
striestrom in erster Linie den Absatzrückgang verursachte. 
Das Kraftwerk Wehrden konnte ab 29.09.1939 teilweise wieder in Betrieb genommen 
werden, so daß die Anforderungen der Röchlingschen Hütte, der VSE und der Stadt 
Saarbrücken wenigstens für den Grundbedarf erfüllt wurden. Nur eine Woche später 
erfolgte ab 06.10.1939 auf Anordnung des Reichswirtschaftsministers allerdings der 
Ausbau und Abtransport einer 12 MW-Vorschaltmaschine, einer 10 MW-Turbine und 
eines 20 MW-Turbosatzes zum Einsatz in Rüstungsbetrieben im Ruhrgebiet und in 
Mitteldeutschland8. Damit war die höchstmögliche Abgabe des Kraftwerkes auf 26 
MW gefallen, und es sollte nach zunächst etwa einem Jahr Minimalbetrieb bis 1943 dau¬ 
ern, ehe die abtransportierten Maschinen wieder verfügbar waren. Nottrupps sorgten 
auch in den übrigen großen Industriebetrieben dafür, daß wichtige Maschinen, Maga¬ 
zinvorräte und Lager weggeschafft bzw. geräumt oder eingemottet wurden. Probleme 
beim Transport bereitete oft der fehlende Strom, da die elektrischen Kräne zur Verla¬ 
dung nicht mehr zur Verfügung standen9. Schäden in stillgelegten Industriebetrieben 
6 RGBl I, S. 1603, VO v. 03.09.1939. 
7 LA Sbr. Best. Landratsamt St. Ingbert 2311/a, 01.11.1939, 09.02.1940, Erlaß des Chefs der 
Zivilverwaltung und des Reichskommissars für die Saarpfalz. 
8 25 Jahre Kraftwerk Wehrden GmbH (1951), S. 19. 
9 Kloevekorn (1956), S. 86f.; 300 Jahre Dillinger Hüttenwerke (1985), S. 66. 
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