Full text: Geschichte der Elektrizitätsversorgung des Saarlandes unter besonderer Berücksichtigung der Vereinigten Saar-Elektrizitäts-AG

fitierten, die bereits in harten Francs entlohnt wurden, während die übrigen Verdienst 
wie Ersparnisse rasch zerrinnen sahen51. Für drei Jahre stand das Saargebiet im Zei¬ 
chen eines gefährlichen Währungsdualismus zwischen dem relativ gesunden Franken 
und der todkranken Mark52. Einen Eindruck des Preisverfalls vermitteln die Monats¬ 
mittelkurse des FF in Tabelle 1853(vgl. ebf. Tab. 19 u. 20). Betroffen waren auch die 
Strombezieher. Bereits 1921 verlangten die MDF von der SLE die Bezahlung der 
Stromlieferung in Franken, was auf größere Schwierigkeiten stieß, da verschiedene Ge¬ 
meinden sich aus politischer Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse weiger¬ 
ten, den Strom in Francs zu bezahlen. Die galoppierende Inflation der Mark bescherte 
der SLE trotz laufend angehobener Strompreise erhebliche Verluste. 1919 erfolgten 
vier Preiserhöhungen, 1920 sechs, 1921 und 1922 jeweils fünf Tarifanhebungen, so daß 
am 01. Dezember 1922 ein Licht- und Kraftstrompreis von 250,- Mark pro kWh zur 
Verrechnung kam54(vgl. auch Tab. 11). 
Die Bezahlung von Gehältern und Löhnen bereitete ebenfalls immer größere Schwie¬ 
rigkeiten. Obwohl im Herbst 1922 beispielsweise die Gehälter für die Angestellten um 
700 % und die Löhne der Arbeiter über 500 % erhöht worden waren, sank die reale 
Kaufkraft der SLE-Mitarbeiter bedrohlich. Eine Umstellung auf solidere Frankenbasis 
kam für die Firmenleitung noch nicht in Betracht, da zu wenig Einnahmen der SLE 
schon in Francs entrichtet wurden. Zu Anfang des Jahres 1923 erklärten sich als letzte 
Gemeinden Sulzbach, Ensdorf, Püttlingen, Etzenhofen und Güchenbach zur Franken¬ 
bezahlung bereit. Eine Ausnahme blieb noch für einige Zeit Friedrichsthal, das kurzer¬ 
hand den Lieferungsvertrag mit der SLE kündigte und eigene Dieselmotoren zur 
Selbstversorgung aufstellte55. Tabelle 21 verdeutlicht die Diskrepanz, die zwischen 
dem nominalen Anlagenzugang der SLE und dem tatsächlichen Wertzuwachs, ausge¬ 
drückt in stabilen Schweizer Franken, nach 1920 herrschte. 
In welche Schwierigkeiten einzelne Gemeinden durch die inflationäre Geldentwer¬ 
tung kommen konnten, zeigt das Beispiel der Gemeinde Winterbach im Kreis St. Wen¬ 
del. Dort hatte der Gemeinderat 1921 allen Einwohnern zugesagt, die Einführung des 
elektrischen Stromes durch Erstellung der Zuleitung zum Haus und Anschluß von drei 
Brennstellen auf Gemeindekosten zu erleichtern. Durch einen außerordentlichen 
Holzhieb sollte die entsprechende Summe aufgebracht werden. Die Erlöse hieraus 
wurden jedoch durch die Markinflation rasch entwertet und führten zu hoher Ver¬ 
schuldung. Der Beschluß wurde folglich teilweise wieder rückgängig gemacht und die 
Bewohner mußten einen Teil der Kosten selbst übernehmen. Hiervon profitierten be¬ 
sonders die bereits in französischen Francs entlohnten Einwohner. So verringert sich 
in einem Fall beispielsweise die 3.000,- Mark-Zahlung eines Winterbacher Bürgers 
durch den Tageskurs von 1 Franc = 862.500,-Mark auf rund 1/3 Centime — ein billiger 
51 Tab. 19 und 20 verdeutlichen den rapiden Kaufkraftschwund, den die Mark-Empfänger hin¬ 
nehmen mußten; erst ab Mitte 1922 stellten sich die Reichsbewohner schlechter als die Bevöl¬ 
kerung des Saargebietes. 
52 Keuth (1963/64), S. 110. 
53 Quelle: StadtA Sbr. BG 2609. 
54 In Blickweiler betrug der Lichtstrompreis zum selben Zeitpunkt 440.- M/kWh und erhöhte 
sich im Februar 1923 auf 1.600.- M/kWh, vgl. 1000 Jahre Blickweiler (1972), S. 98. 
55 VSE-AHV, Aufsichtsratssitzungen v. 28.09.1922, 15.01. und 24.03.1923. 
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