Full text: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters

staltet248 und durch mündliche Überlieferung - hier vor allem aus Tholey gewon¬ 
nen - erweitert249. Bibelstellen, Analogien, Vergleichs- und Präzedenzfälle klassi¬ 
fizieren und verallgemeinern den Einzelfall250. Nicht primär historische Wahrheit 
ist das Ziel, sondern aedificatio des Lesers und Hörers, Anregung zur imitatio251. 
Diesem Zweck dient die rhetorische Technik der amplificatio. Williram von Ebers¬ 
berg, ein Autor des 11. Jahrhunderts, behandelte die Aureliusvita, „ähnlich wie 
man ein Klümpchen Gold oder Silber zu einem breiten und langen Stück Blech 
aushämmert”, ohne die Sache selbst zu verfälschen252. 
Die ,Vita S. Pauli“ exemplifiziert ferner recht deutlich an ihrem Helden Gefahren 
und Gewinn verschiedener christlicher Existenzweisen. Ohne Quelle hat sie in die 
Entwicklung des Paulus eine anachoretische Phase eingebaut. Diese Entwicklung 
führt vom Eremitendasein über das coenobitische Mönchtum zum pastoralen Amt 
des Bischofs, wobei das Benediktinertum - der habitus monasticae religionis - des 
Helden die Mitte seines Lebens bildet und der Quell seines Handelns bleibt253. 
Dieses Schema ähnelt der um 980 vom Metzer Reformabt Johannes von St. Arnulf 
verfaßten Vita des Hauptes der lothringischen (Gorzer) Benediktinerreform, des 
Abtes Johannes von Gorze, nur daß bei diesem an der Stelle des Bischofsamtes das 
officium des Abtes als Ziel steht254. Man wird die , Vita S. Pauli“ wohl mit Recht in 
die Nähe der lothringischen Reform stellen dürfen. 
Es wäre wünschenswert, diesen Text näher datieren zu können255. Er bietet freilich 
wenig Anhaltspunkte für eine absolute Chronologie. Die Anrede des Heiligen als 
pater noster stellt zwar die Herkunft des Autors aus dem Kloster St. Paul zu Ver¬ 
dun sicher, jedoch läßt sich über die Person des Autors nichts Genaueres ermit¬ 
248 Die „Vita S. Pauli“ wäre also im Sinne von F. Lotter, Severin 16, eine „Traditionslegen¬ 
de“ : „Die Traditionslegende gibt... eine oft nach Jahrhunderten erst niedergeschriebene 
Überlieferung wieder, bei der typische Züge etwaige individuelle Bestandteile und die hi¬ 
storische Wirklichkeit mehr oder weniger überdeckt und ausgeschieden haben.“ 
Vgl. auch Lotter, Methodisches 298 ff., besonders S. 320 f. 342 zur „schöpferischen“ 
Entlehnung von Motiven aus einer Heiligenlegende in eine andere; dazu auch bereits 
Graus, Volk 477 ff. 
249 Man kann die ,Vita S. Pauli“ auf solche mündlichen Überlieferungen hin analysieren, wie 
das Büttner, Studien 10 ff., für die ,Vita S. Disibodi“ tat. 
250 Vgl. zur Funktion von Bibelzitaten als indirektem Argumentationsmittel Pivec, Bibel 
102 f. 
251 Vgl. z. B. für die zeitgenössische Vita des Johannes von Gorze Lotter, Vita Brunonis 
50 f. ; ferner: Zoepf, Heiligenleben 6 ff. 
252 Vgl. Schreiner, Trithemius 121. Zur ,Vita Aurelii“ des Williram zuletzt: Eggers, Aure- 
lius-Geschichte 102 ff. 
253 Vgl. Lager, Tholey 353 f. ; zur Betonung der Mönchsqualität des hl. Paulus in Quellen 
des 10./11. Jhs. vgl. Haubrichs, Basenviflare 62 Anm. 207. Besonders hervorzuheben ist 
der Zusatz einer Reimser Bearbeitung des Usuard-Martyrologs, die nach ihrer Deszen¬ 
denz aus dem Lütticher Raum spätestens im 11. Jh. verfaßt wurde (8. II. ) : Virduni, natale 
beati Pauli ep. et monachi, ipsius ecclesiae restauratoris et rectoris precipui. Paulus ist Bi¬ 
schof und Mönch. 
254 MG SS IV 335-377. Diese Struktur der Vita des Johannes von Gorze ist deutlich heraus- 
fearbeitet bei: Lotter, Vita Brunonis 36 f. 50 ff. 
ür 10. bzw. frühes 11. Jh. entschieden sich Levison, Geschichte 67; Gauthier, Evangéli¬ 
sation 412; für einen Zeitraum nach dem 10. Jh. entschieden sich mit Mabillon auch 
Roussel, Histoire Verdun I 133 f. n.a.; Clouet, Histoire Verdun I 156; Souplet, 
St. Paul 4. 
70
	        

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