Full text: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters

rechtfertigt (Jac. 1,22). Paulus erlebt seine conversio zum Benediktinertum. Er be¬ 
währt sich im Leben nach der Regel, in stabilitas loci, in Askese, castigatio und poe¬ 
nitentia. Hier hat der Autor der Paulslegende Topoi der bekannten Vita des hl. 
Gallus, eines Einsiedlers und späteren Coenobiten wie Paulus, ausgewertet246. Die 
Schilderung des klösterlichen Aufenthalts des Paulus endet in einem Tugendkata¬ 
log und der Schilderung seines Aufstiegs zum Abtsstellvertreter (nicht zum 
Abt!)247: 
... amabatur ab omnibus, venerabantur universi, placebat cunctis, nimioque 
affectu pro suae sanctitatis reverentia, excepto nomine Pastoris, colebatur vice 
magistri. 
Der Ruf seiner Heiligkeit bringt nicht nur die Söhne der mediocres, sondern auch 
der praepotentes ac nobiles zu ihm, darunter Grimo, qui et Adalgisilus, nepos Da- 
goberti Regis, dem das Kloster Tholey als ererbtes Eigentum gehörte. Zu dieser 
Zeit stirbt Bischof Erminfrid von Verdun; auf Betreiben der Fürsten und Grimos, 
mit Zustimmung des Hofes, des Klerus und des Volkes von Verdun wird Paulus 
als Nachfolger vorgeschlagen. In Anlehnung an die Galluslegende weigert sich der 
Erwählte, das Amt anzunehmen, läßt sich jedoch schließlich unter Hinweis auf die 
Gehorsamspflicht gegenüber Gottes Willen - anders als Gallus - zur Annahme 
zwingen. Der König läßt ihn mit Gewalt aus dem Kloster holen. Damit ist der drit¬ 
te Lebensabschnitt des Helden und Heiligen vollendet. 
Der Autor der Vita schließt nun in einem Exkurs den Bericht Berthars als eines äl¬ 
teren Gewährsmanns über Paulus an, damit sich kein Zweifel über die Wahrheit 
des Berichteten erhebe - nicht ohne zu bedauern, daß Berthar die Wundertaten des 
Paulus, die er gesehen und gelesen habe, nicht ausführlich schilderte. Die Vita 
weiß jedoch im Anschluß an das von Berthar berichtete Tholeyer Brotwunder ein 
weiteres Klosterwunder zu berichten. Es kann kaum Zweifel darüber bestehen, 
daß der Autor Tholeyer mündliche Überlieferung verarbeitet hat. 
Der letzte Abschnitt der Vita beschäftigt sich - den Bericht Berthars weiter aus¬ 
spinnend - mit den Taten des Paulus im Bischofsamte. Dabei ist erwähnenswert, 
daß der monastische Autor den Heiligen die Regulierung der Domkleriker durch¬ 
führen läßt, ein für dessen Gesinnung bezeichnender Anachronismus. Sein Leben 
war eine peregrinatio; er erreicht das Ende der irdischen Pilgerreise an einem 7. Fe¬ 
bruar und wird auf eigenes Geheiß in der Ecclesia S. Saturnini beigesetzt. 
Will man die ,Vita S. Pauli' bewerten, so ist nicht primär von ihrem historischen 
Zeugniswert auszugehen. Sie ist Dokument ihrer Epoche und sagt über deren 
Geist mehr aus als über den Gegenstand. Sie erfaßt ihren Helden nicht als einen 
individuellen, sondern aus der kollektiven Perspektive einer Gemeinschaft, des 
Konvents des Klosters St. Paul, als einen typischen. Ein geringer Traditionskern 
wird nach Mustern, die in Bibel, Patristik und Hagiographie bereitliegen, ausge¬ 
246 VitaS. Galli I; MG SS rerMer. IV\$b: et vitae meritis amabatur ab omnibus placuit uni¬ 
versis ,.. 
247 Vita S. Pauli c.5, AA SS Febr. II175 F. 
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