Full text: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters

von St. Wendel durch Paulus233 und eine Besitzbestätigung für die Kanoniker von 
St. Vanne auf234. Seine sonstigen Quellen waren teils Mirakelberichte aus Verdun, 
teils dortige Mirakelbilder, schließlich auch ein aus Tholeyer Tradition geschöpf¬ 
tes Mirakel. Denn in seltsamem Widerspruch zur Schenkung von Tholey durch 
dessen Gründer Grimo soll Paulus selbst aus dieser Institution stammen: tractus 
est de monasterio Theologie ... Und auch das berichtete Wunder stellt Paulus als 
Träger der cuculla vor, monasticam vitam ducens und der obedientia fratrum un¬ 
terliegend. Diese Tradition, der sich noch im 10. Jahrhundert die neugeschaffene 
,Vita S. Pauli' und die ,Translatio S. Pauli' (... ubiprius fuerat conversatus ...) an¬ 
schlossen235, stammt unzweifelhaft aus dem saarländischen Kloster selbst. Zu die¬ 
sem Zeitpunkt hat ihn die Legende jedoch noch nicht zum Abt des monasterium 
befördert. 
Die ,Vita S. Pauli' arbeitet an der monastischen Modellierung des neuen Heiligen 
weiter236, dessen Grabkirche St. Saturninus 972/73 durch Bischof Wigfrid von 
Verdun in ein Kloster umgewandelt wurde237. Der venerandus pater noster 
Paulus, wie ihn der zweifellos im Auftrag der neuen Mönchsgemeinde zu Verdun 
schreibende Autor der Vita zur Einleitung nennt, wird mit dem aequivocus des 
Neuen Testaments, dem gentium praedicator verglichen, dessen imitator der 
spätere Bischof der Maasstadt gewesen sei. Es folgt die Schilderung seiner edlen 
Herkunft aus den inferioris Galliae partibus, seiner standesgemäßen Erziehung in 
den artes liberales. Er wendet sich - totus in divina conversus - nach evangelischem 
Gebot Werken der Barmherzigkeit zu. Um ad summum perfectionis zu gelangen, 
233 Haubrichs, Basenvillare 69 ff.; Evrard, Actes № 3. Verdun besaß also durch Grimo 
Adalgisil und Bischof Paulus im Saar-Nahe-Raum an der Straße Verdun-Metz-Mainz 
wichtige Punkte: Tholey, St. Wendel und - wie spätere Quellen erweisen - Wolferswei¬ 
ler, Baumholder, (St.) Medard, Altenbamberg. Vgl. zu dieser Verduner Besitzkonzen¬ 
tration Pöhlmann, St. Ingbert 485; Hübinger, Beziehungen 12 ff.; Herrmann/Hopp¬ 
städter/Klein, Landeskunde II 90. 260. 332; Seibert, Hochgericht 87 f. ; Ewig, Rhein. 
Gesch. I 2, 64. 
234 Die Überlegung von Gauthier, Evangélisation 411 ff., daß Paulus den Kanonikern der 
Kirche von Verdun keine Besitzbestätigung erteilt haben könne, da es diese Kanoniker 
noch nicht gegeben habe, geht in die Irre. Berthar war Kanoniker von St. Vanne, wie uns 
Hugo v. Flavigny (MG SS VIII 356) berichtet; an St. Vanne schenkte er eine Mühle und 
wurde auf dem Friedhof dieser Kirche begraben. Vgl. G. Waitz, in: MG SS IV 36. 38 m. 
Anm. 28; Haubrichs, Basenvillare 69 Anm. 225. 71 Anm. 233. Die Adresse nostri cano¬ 
nici, die Berthar für die Urkunde des Bischofs gibt, bezieht sich also auf St. Vanne, dessen 
merowingischer Ursprung gewiß ist. 
235 Vita S. Pauli, AA SS Febr. II 175; Translatio S. Pauli, c.2, ed. v.d. Straeten, Manuscrits 
135. .. 
236 Zur Überlieferung der „Vita S. Pauli“ vgl. AA SS Febr. II 168 ff. ; v.d. Straeten, Manu- 
scrits 102 Nr. 12. Die Hauptüberlieferung scheint auf Cod. Verdun B. M. 1, F. 19-20 (= 
BHL 6600), einem Lektionar des frühen 12. Jhs. aus St. Vanne zu beruhen (vgl. ebd. S. 
114 Nr. 70). Die Vorlage der „Acta Sanctorum“ war eine Handschrift aus St. Maximin. 
Jean Mabillon kollationierte diese Ausgabe mit einer Handschrift aus St. Germain-des- 
Prés in seiner Edition der Vita im Rahmen der „Acta Sanctorum Ordinis Sancti Benedic- 
ti“ (Paris 1668-1701, Bd. 2, S. 268 ff.). Wenig beachtet blieb eine Tholeyer Handschrift 
der Vita (Trier Stadtbibi. 91/1349, F. 89-117, 15. Jh.), dieselbe Handschrift, welche die 
Tholeyer Abtsliste A (vgl. o. S. 19) enthält. F. Laurentius Surius hat die Vita im Rah¬ 
men seiner Sammlung „De probatis sanctorum historiis ... “, erschienen in 1. Aufl. 1570- 
1572, in 2. Aufl. 1576-1581 (ebd. I 899-904) gekürzt und bearbeitet. 
237 Vgl. u. S. 155 ff. 
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