Full text: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters

Biographen tat474b. Auch in den Berichten über die Abtswahlen scheint also mero- 
wingische Problematik durch. Das spricht für einen echten, aus Tholey stammen¬ 
den Kern der Überlieferung, ohne daß man - bei unserem rudimentären Wissen 
über die Organisation merowingischer Klerikergemeinschaften - gleich mutma¬ 
ßen müßte, daß in Tholey die , Regula Magistri‘ gegolten und mithin eine mona- 
stisch geprägte Gemeinschaft seit dem 7. Jahrhundert existiert habe. 
Für die Authentizität der Herkunft des Chraudingus aus Tholey* 475 spricht ferner 
die Übereinstimmung in den Reliquien: Das in Beaulieu vorhandene os brachii a 
cubitoi,7ba läßt sich leicht als eine Teilreliquie des Tholeyer brachium S. Mauritii 
verstehen. Dabei ist die Überlieferung, die Richard in Beaulieu vorfand, nicht von 
Tholey abhängig. So wird in der Vita der Vorgänger des Chraudingus im officium 
des Abtes nicht genannt; hätte Richard die Tholeyer Abtslisten gekannt, so hätte er 
sicherlich nicht gezögert, seiner Erzählung ein Mehr an Historizität durch die 
Nennung des Chrothmerus zu geben. Umgekehrt hat man in Tholey die ,Vita S. 
Chraudingi‘ offenbar erst im 17./18. Jahrhundert kennengelernt475b. Daß beide 
Überlieferungen voneinander unabhängig und zugleich authentisch sind, erweisen 
aber endgültig die divergierenden Namensformen, die Onkel und Neffe in den 
Quellen zugewiesen werden: 
Vita S. Chraudingi 
Chraudingus 
Chroduinus 
Tholeyer Abtsliste 
Craudingus 
Frodoinus 
Tholeyer Nekrolog 
Crodouuinus 
474b de Vogüe, Règle du Mahre c. 92-94, Bd. II410 ff.; de Vogüe, Communauté 348 ff.; Hallinger, 
Regula Benedicti 119; Frank, Bestellung 102 ff. 111; Oexle, Gegenwart 40 ff. Ein Sermo des 
Faustus von Riez stellt die Désignation des Nachfolgers Maximus durch Abt und Bischof 
Honoratus von Arles (426-429) im südgallischen Kloster Lérins in die Nachfolge der alttesta¬ 
mentarischen Berufungen des Josuas durch Mose und des Elisäus durch Elias: Beatus et ipse 
communis pater, quem et illic Honoratus accepit, et hic honor rapuit. Dignus cui primus ille fun¬ 
dator gubernacula Lirinensis navis post se moderanda committeret. Dignus cui tanquam Helias 
ad superna migraturus Helisaeo discipulo pallium pietatis et gratiae, ac praeclara mentorum in¬ 
dumenta traderet, et in se augendus, et in filio duplicandus. Dignus inquam, hic cui ille piissimus 
pater Honoratus, tanquam Moyses primi populi primus princeps ductandi per desertum Israelis 
legem traderet, et quasi fortissimo Iesu Nave pia iura transfunderet, electo utique ac satis probato 
qui sacrum ad promissa coelestia promoveret, ac perurgeret exercitum. In dieser Homilía de S. 
Maximo episcopo et abbate Lirenensi (ed. De Labigne, Maxima Bibliotheca VI654 ff.) entfal¬ 
tet sich eine regelrechte Ideologie der Désignation. Vgl. ferner Lévy-Bruhl, Etude 13 f. 41 
ff. 44 ff.; Mc Laughlin, Droit 90 f.; Macdonald, Episcopi vagantes 11; Felten, Abte 66 ff. 
475 Lemaire, Recherches 156 f., negiert diese Möglichkeit unkritisch. 
475a AA SS Sept. V 516. Vgl. o. Anm. 393. 
475b Am 1. Februar 1735 übersandte der Tholeyer Abt Theobert d’Hame (1730-17591 den Bol- 
landisten auf Anfrage eine „Vita S. Rodingi“. Es handelte sich jedoch um eine Abschrift eines 
Textes aus: Aegidius Ranbeck, Calendarium Benedictinum, Augsburg 1677, Pars III, S. 
837-846. Dieser Text war selbst wieder eine Paraphrase der bei Menara (vgl. o. Anm. 426) 
gegebenen Vita. Es war also offensichtlich im Tholey des 18. Jahrhunderts keine handschrift¬ 
liche Version der „Vita S. Chraudingi“ vorhanden. Vgl. Thiele, St. Rodingus 337; o. S. 41 f. 
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