Full text: Die Tholeyer Abtslisten des Mittelalters

das - wie unten noch näher auszuführen bleibt - aus dem Kreis der antipippinidi- 
schen südaustrasischen Adelsopposition um Childerichs II. Hausmeier Wulfoald 
gegründete Kloster in den Argonnen in seine Hand zu bekommen. 
Anscheinend wurde jedoch dem Hochstift Verdun das Klostergut von Beaulieu 
nicht vollständig entfremdet. Soweit wir es zu kontrollieren vermögen, verblieb 
Verdun im Besitz der an Chraudingus (persönlich?) gemachten Schenkungen. Das 
gilt vor allem für Auzéville und Autrécourt (mit + La Bonne), deren Kirchen spä¬ 
ter nicht Beaulieu, sondern dem Domkapitel bzw. hohen Beamten der Diözese ge¬ 
hörten473. Das Kloster kontrollierte dagegen ein geschlossenes Gebiet, das sich 
südlich von Beaulieu mit Foucaucourt, Evres, Pretz-Sommaisne, Triaucourt, 
Vaubécourt, Charmontois-l’Abbé, Senard, Eclaires, Gumont, Grigny, Aubercy 
und Le Chemin bis in die Diözese Châlons-sur-Marne erstreckte, während es im 
Osten mit Fleury-sur-Aire, Lavoye und Froidos bis ins Tal der Aire ausgriff. Zen¬ 
trum dieses Bezirks war Evres. In dieses geschlossene Gebiet, in dem wir wohl den 
Fiskus der villa Hebenaca erblicken dürfen4733 schob sich wie ein Pfahl im Osten 
zwischen Fleury-sur-Aire und Lavoye (übrigens der Lageplatz eines bedeutenden 
merowingischen Reihengräberfriedhofes) der Pfarrbezirk von Autrécourt mit sei¬ 
ner Filiale Waly, welche den ursprünglichen Namen des Klosters Waslogium - 
zweifellos aus einem Waldnamen (germ. *Wasu-lauh ,Wiesenwald‘) entstanden- 
festhält. Damit erhält aber auch die Erzählung der Chraudingus-Legende, daß der 
Herr von Autrécourt, den Richard von St. Vanne in falscher Namenrekonstruk¬ 
tion Austresius nannte, mit dem Heiligen wegen des Waldes in Konflikt geriet, ei- 
c • 473b 
nen Sinn : 
473 Die Kirche von Autrécourt (mit dem Patrozinium des hl. Avitus von Micy bei Orléans, 
der ebenso wie sein Vorgänger und Gründer von Micy, Maximinus, aus aem Verdunois 
stammte: vgl. Mabillon, AA SS OSB I 502 f. ; MG SS rer. Mer. III383) war im Besitz des 
Domkapitels (Longnon/Carrière, Pouillés Trêves 368). Die Gorgoniuskirche von Au¬ 
zéville, deren Patrozinium erst seit der 2. H. des 8. Jhs., seit der Übertragung der Reli¬ 
quien des hl. Gorgonius nach Gorze durch Bischof Chrodegang von Metz möglich ist, 
gehörte bis 1339 aem Archidiakon der Argonnen und kam erst dann an das Domkapitel 
(Roussel, Histoire Verdun II 292 ; Robinet, Pouillé Verdun I 458). Auch das Amtsgut ei¬ 
nes hohen Verduner Offizials wie des Archidiakons dürfte letztlich aus dem episcopium 
stammen. Schließlich gehörte bis 1064 auch die Pfarrkirche St. Johannes Baptista in 
Domprix (Domeriaca, vgl. o. Anm. 447; 1064 Domereis) dem Bischof (Evrard, Actes 
Verdun I Nr. 65). 
473a Für den Fiskalcnarakter des Gebietes von Beaulieu spricht auch der Umstand, daß 1211 
eine ecclesia beati Medardi, also mit Patrozinium des neustrisch-merowingischen Kö¬ 
nigspatrons von Soissons, in Beaulieu belegt ist. Vgl. Laplace, Actes Comtes Bar II Nr. 
74. 
473b A A SS Sept. V 514 D/E. Mit diesen Überlegungen eröffnet sich auch eine Möglichkeit, 
Befunde der merowingerzeitlichen Archäologie in diesem Kleinraum zwischen Argon- 
nerwald und Aire zu interpretieren. Denn das große, kontinuierlich von der spätrömi¬ 
schen Epoche bis in die Merowingerzeit besiedelte Gräberfeld, das in der Archäologie 
überzeugend der Siedlung Lavoye zugeordnet wird, liegt auf der Gemarkung von Au¬ 
trécourt. Das ist wohl ein Indiz für eine erst spätere Fixierung der heutigen Grenzen 
zwischen Autrécourt und Lavoye. Die Kirche von Autrécourt besitzt auch das älteste 
Patrozinium des Raumes; der Kirchenpatron Avitus von Micy, begraben und verehrt 
seit dem frühen 6. Jahrhundert in Orléans, weist auf die um 500 mehrfach belegten Be¬ 
ziehungen zwischen dem Orléanais und der civitas von Verdun zurück (vgl. Haubrichs, 
Urkunde Pippin, pass.). Ist also die archäologisch faßbare Frankensiedlung von Lavoye, 
die sich im Ümland auch in germanischen toponomastischen Relikten niedergeschlagen 
hat, mit der im 7. Jh. in diesem Raum tätigen Familie des Herrn von Autrécourt in Ver¬ 
bindung zu bringen? 
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