Full text: Bildungspolitik im Saarland

tisch unbelastete und dennoch für eine solche Aufgabe geeignete Fachleute finden konnte. 
Dies galt sowohl für das Amt des Oberschulrates, zuständig für den gesamten gymna¬ 
sialen Schulbereich des Saarlandes63, als auch für die 15 Schulratsstellen, die für die In¬ 
spektion der Volksschule zuständig waren64. Für diesen Sektor, der aufgrund deutscher 
Schultraditionen stets weltanschaulich gegliedert war, befürwortete Jung eine den ge¬ 
wachsenen religiösen und politischen Strukturen entsprechende Ämtervergabe, indem er 
in seinem Bericht für die Neuberufung von 6 katholischen, 2 bis 3 evangelischen und 2 bis 
3 linksparteilich orientierten Schulräten votierte65. Die Tatsache, daß Jung im August 
1945 personalpolitische Entscheidungen anregte, die ganz auf deutsche Erfahrungen im 
Schulischen zurückgriffen, zeigt an, daß er grundsätzlich an einen schulpolitischen Ge¬ 
staltungswillen für das Saarland glaubte, der sich im Generellen an die Verhältnisse in 
Deutschland und hier insbesondere an die Entwicklungen in der französischen Besat¬ 
zungszone orientieren würde. Als er jedoch wenige Monate später, nämlich am 1. Februar 
1946, aufgrund einer ausdrücklichen Weisung Grandvals66 überraschend und ohne für 
ihn erkennbare Motive seines Postens enthoben wurde, konnte er dieser Annahme sicher¬ 
lich nicht mehr gewiß sein. Zu seinem Nachfolger mußte Neureuter einen Mann er¬ 
nennen67, der zwar vor 1935 an der Saar als Lehrer im Bereich höherer Handelsschulen 
gewirkt hatte, den aber in der saarländischen Öffentlichkeit kaum jemand kannte — Dr. 
Emil Straus. Straus, nach eigenen Angaben von de Gaulle protegiert68, war im September 
1945 aus seinem Emigrantendomizil in Nizza ins Saarland zurückgekehrt, um hier, wie 
er im Jahre 1975 selbst behauptete, mitzuhelfen, eine politische Zukunft analog der Exi¬ 
stenz Luxemburgs aufzubauen69. Eine wichtige Voraussetzung erkannte er dabei vor 
allem in der endgültigen Überwindung des aggressiven deutschen Nationalismus inner¬ 
halb einer von ihm als Heimat empfundenen Region, eine Zielsetzung, die er am ehesten 
durch eine konsequente Bildungspolitik im Geiste katholischer Schulgrundsätze und im 
Rahmen lokaler und damit überschaubarer Ordnungsstrukturen wie der im Saarland vor¬ 
handenen, zu erreichen glaubte70. Bei seinen Motiven muß man beachten, daß er, über 
dessen Person und die Ziele seines Handelns an anderer Stelle noch eingehend zu be¬ 
richten sein wird71, als Emigrant das Gefühl für nationale Bindungen nicht mehr für 
selbstverständlich hielt. 
Die Übernahme einer einflußreichen Position durch einen Emigranten bzw. politisch Ver¬ 
folgten im Zuge der ersten Entnazifizierungswelle, die bis Anfang 1946 weitestgehend 
63 Mit dieser Aufgabe wurde vorläufig Oberregierungsrat Dr. Peter Schindler betraut. Schindler 
war zugleich Direktor des Saarbrücker Ludwigsgymnasiums. 
64 Folgende Schulaufsichtsbezirke für die Volksschule gab es: Saarbrücken-Stadt I, Saarbrücken- 
Land I, Saarbrücken-Land III, Saarlouis I, Dillingen, Merzig I, Wadern, Eppelborn, Ottweiler I, 
St. Wendel I, Homburg I/St. Ingbert I (alle katholisch); Saarbrücken-Stadt II, Saarbrücken-Land 
1 I/Saarlouis II/Merzig II, Ottweiler Il/St. Wendel II, Homburg Il/St. Ingbert II (alle evangelisch). 
63 Bericht Jung vom 4. 8. 1945 (siehe Anm. 61 auf S. 76). Inwieweit der Vorschlag Jungs Wirklich¬ 
keit geworden ist, konnte leider nicht ermittelt werden. 
6h Ordonnance No 1394 — DAA/Cab — vom 24. 1. 1946. Vgl. in diesem Zusammenhang auch 
Schreiben Neureuters an Grandval vom 26.1. 1946 und Schreiben Grandvals an Neureuter vom 
29. 1. 1946. LA Saarbrücken, Bestand Regierungspräsidium Nr. 65. 
h Verfügung des Regierungspräsidenten Neureuter-Tgb. Nr. 450/48 - vom 1.2. 1946. LA Saar¬ 
brücken, Bestand Regierungspräsidium Nr. 65, Bl. 2 und 3. 
6ii Interview E. Straus vom 23. 11. 1976. 
^ Interview E. Straus vom 23. 10. 1975. 
70 Interview E. Straus vom 23. 10. 1975. 
1 Siehe insbesondere unten, S. 184 ff. 
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