Full text: Bildungspolitik im Saarland

Ebenso wie General Koenig nahm auch Gilbert Grandval, der Militärgouverneur und 
spätere Hohe Kommissar bzw. Botschafter Frankreichs an der Saar, für seinen Verant¬ 
wortungsbereich eine fast indifferent zu nennende Haltung in der Frage des Verhältnisses 
von Staat und Kirche in öffentlichen Bildungsangelegenheiten ein168. Für ihn war die 
Frage nach den nationalen Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen Frankreichs die ent¬ 
scheidende, ihr ordnete er alle anderen, auch die bildungspolitische, unter. Dagegen war 
der Leiter seines Service de l’Éducation Publique in Saarbrücken, Jean Babin, ein über¬ 
zeugter Anhänger einer Schulpolitik auf der Grundlage katholischer Erziehungsgrund¬ 
sätze169. 
Bis zum Jahre 1947 sind die gegensätzlichen Strömungen in der französischen Bildungs¬ 
politik, die vor allem zwischen Schmittlein einerseits und den stark kirchlich gebundenen 
Politikern wie Bidault, Schuman, Schneiter, Debré und Poher andererseits festzuhalten 
sind, kaum in Erscheinung getreten, weil in diesem Zeitraum für Frankreich grundsätz¬ 
liche Fragen der Politik im Rahmen eines neuen Versuchs europäischer Friedensordnung 
im Vordergrund standen und weil die französische Deutschlandpolitik ungeteilt und un¬ 
bestritten im Zeichen eines umfassenden Sicherheitsstrebens verharrte. Die Folge war, 
daß einzelne Stimmen der Kritik an den Maßnahmen und Zielen der französischen Mili¬ 
täradministration im allgemeinen und in der Schulpolitik im besonderen wenig Wirkung 
hatten170. Erst als sich vom Jahre 1948 an das französische Deutschlandbild allmählich 
aufzuhellen begann, ein Prozeß, der durch das Bewußtwerden neuer politischer Konstel¬ 
lationen in Europa und einer veränderten Weltlage bewirkt wurde, lockerte sich die Starr¬ 
heit der französischen Position gegenüber Deutschland auf171. Dieser Wandel wurde vor 
allem sofort in solchen Bereichen spürbar, die, wie das öffentliche Bildungswesen, schon 
früh in die Mitregie einheimischer Gestaltungskräfte gelangten. Gleichzeitig wurden in 
der französischen Publizistik Stimmen laut, die zum Teil prononciert eine Aussöhnung 
zwischen Frankreich und Deutschland befürworteten172. Zu diesen gehörte auch der 
spätere Rektor der Universität Saarbrücken, der französische Germanist Joseph-François 
Angelloz173. Gleichwohl gab es auch noch im Jahre 1948 erhebliche bildungspolitische 
Spannungen zwischen der Militärregierung und deutschen Stellen. So beklagten sich 
kirchliche Vertreter aus den Diözesen Mainz, Speyer und Trier anläßlich eines Empfangs 
am 10.10.1948 bei dem damaligen französischen Außenminister Robert Schuman in Ko¬ 
blenz über abfällige Bemerkungen General Schmittleins über die Konfessionsschule, die 
konfessionelle Lehrerbildung und das humanistische Gymnasium, die er gelegentlich 
eines Presseempfangs in Baden-Baden getan hatte. Dabei erklärten sie sogar, daß die Bi¬ 
schöfe öffentlich dazu Stellung nehmen würden. Nach Rücksprache mit dem anwesenden 
Militärgouverneur von Rheinland-Pfalz, Hettier de Boislambert, ließ Schuman dann 
168 Interview E. Straus vom 25. 11.1976 und Interview P. Woelfflin vom 12. 10. 1977. 
169 Interview E. Straus vom 1. 5. 1978. Angaben zur Person des saarländischen Militärgouverneurs 
erfolgen im nächsten Kapitel. 
170 Solche kritische Äußerungen stammen z. B. aus der Feder des sozialistisch orientierten Publizi¬ 
sten E. Morin. Vgl. E. Morin, Zéro und E. Morin, Allemagne. 
171 G. Ziebura, S. 44 
172 So z. B. R. d’ Harcourt, Allemagne und Les Allemands. Besorgt aber um ein differenziertes 
und ausgewogenes Urteil bemüht R. Minder, Allemagne. In diesem Zusammenhang dürfen 
auch Namen des französischen Geisteslebens wie Emmanuel Mounier, Albert Béguin, Gabriel 
Marcel, Jean-Paul Satre, Jean Paulhan und Jacques Droz genannt werden. 
173 J.-F. Angelloz, politique culturelle. 
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