Full text: Bildungspolitik im Saarland

geltend machen konnte74, wo bekanntlich mit Ausnahme der Medizinischen Fakultät die 
Universität angesiedelt war. Angesichts der neuen politischen Situation wurde zu guter 
Letzt die Frage wieder aktuell, ob eine Grenzregion wie die Saar als Hinterland für eine 
lebensfähige Universität überhaupt ausreiche75. 
Bedenken dieser Art wurden freilich bald durch den sich abzeichnenden Wandel der Schü¬ 
lerstrukturen zerstreut. Zwar hatte sich im Jahre 1957 das Verhältnis der Volksschüler zu 
den Mittelschülern und zu den Gymnasiasten mit 84,6 % : 2,8 % : 12,6 % gegenüber 
1951 (86,9%: 2,1% : 11,0)76 nur unmerklich verschoben, aber bis zum Jahre 1962 sollte 
sich das grundlegend ändern. Die Werte lauteten nun schon 75 % : 6 % : 19 %77 und die 
Tendenz zeigte für die Zukunft weitere starke Veränderungen in gleicher Richtung an. Im 
Zeitraum 1955 bis 1960 setzten zudem, wie es im Bericht der Kultusministerkonferenz für 
die Jahre 1963/64 heißt, die Bemühungen um eine nachdrückliche Förderung der Wissen¬ 
schaften ein78. Sie führten im Jahre 1957 zur Gründung des Wissenschaftsrats, womit sich 
neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bund und Länder auf dem Hochschulsektor 
abzeichneten. Seine Beratungen und Stellungnahmen über den Ausbau des deutschen 
Hochschulwesens haben zwar erst mit Beginn der sechziger Jahre zu konkreteren Vor¬ 
schlägen geführt, als man die Errichtung von fünf neuen Universitäten anregte, gleich¬ 
wohl darf für das Jahr 1956 die Feststellung gewagt werden, daß ein Abbau der jungen 
Saaruniversität im damals schon spürbaren Aufwind der Wissenschaften eigentlich un¬ 
denkbar war. Diese Wirklichkeit war es dann auch, die alle Instanzen, die an der Saaruni¬ 
versität Interesse hatten, die Regierungen in Saarbrücken, Bonn und Paris, die Westdeut¬ 
sche Rektorenkonferenz und die Kultusministerkonferenz, immer gewillter machte, ihre 
Existenz zu sichern und sie weiter auszubauen. Daran hinderte sie auch eine vorüberge¬ 
hend unter den Professoren der Universität schwelende Krise nicht, die ihre eigentliche Ur¬ 
sache in der vorgesehenen Zukunft der Saaruniversität als Landesuniversität hatte. 
Für die neue saarländische Regierung stand nämlich von Anfang an fest, daß die in der 
Hoffmannzeit euphemistisch als „Europäische“ gepriesene Hochschule, wie es Kultusmi¬ 
nister Reinert anläßlich der Sitzung des Universitätsverwaltungsrates am 31. Juli 1956 
formulieren sollte, in aller Kürze in den bunten Kranz der Universitäten Deutschlands ein¬ 
gereiht sein würde79. An sich war ein anderer Weg auch gar nicht möglich. Schon in den 
Jahren bis 1955 hatte sich, wie bereits oben dargelegt worden ist, die Idee einer europäi¬ 
schen Universität als Wunschbild erwiesen, weil das Mixtum compositum der Prüfungen 
und Diplome noch nicht einmal die saarländisch-französischen Barrieren zu überwinden 
vermochte. Die politischen Prämissen des Jahres 1956 ließen erst recht Scheinlösungen 
nicht zu. Die idealistische Vorstellung einer Hochschule, die im Geist einer umspan¬ 
74 Nach Niederschrift über die Sitzung der Kommission zur Vorbereitung der Verhandlungen mit 
der Bundesregierung zwecks Regelung der zwischen dem Saarland und der Bundesrepublik zu 
behandelnden Fragen am 20. 8. 1956, S. 4. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Allgemeine Ver¬ 
waltung, Z II - A - 1. 
75 Interview L. von Boch-Galhau vom 14. 3. 1978. 
76 Vgl. oben, S. 39. 
77 Errechnet nach Zahlen des Statistischen Handbuchs (Saarland 1958), S. 50 ff. in Verbindung mit 
den Statistiken aus Regierung, Fünf Jahre, S. 11 f. (Im Quellen-und Literaturverzeichnis unter 
B I, 5. zu finden). 
78 Konferenz (1963/64), S. 257. 
79 Zitiert nach einem Bericht der Neuesten Nachrichten vom 1. 8. 1956. 
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