Full text: Bildungspolitik im Saarland

bildung49. Sie wurde vom Jahre 1957 an in grundsätzlich akademischer Form eingeführt. 
Die alten Lehrerseminare in Lebach, Ottweiler und Blieskastel schlossen nach einer Über¬ 
gangszeit von fünf Jahren ihre Tore. An ihre Stelle traten Aufbauschulen. Volksschul¬ 
lehrer konnte vom Jahre 1962 an nur noch der werden, der nach der Reifeprüfung sechs50 
Semester an einer Pädagogischen Hochschule studiert hatte. Der Verfassungsforderung 
gemäß blieb die Volksschullehrerbildung aber weiterhin konfessionell ausgerichtet, so 
daß man je eine katholisch und evangelisch geprägte Studienanstalt einrichten mußte. 
Dies war für die katholischen Lehramtskandidaten die Peter-Wust-Hochschule und für 
die evangelischen die Comenius-Hochschule, beide in Saarbrücken beheimatet51. Mit Ge¬ 
nugtuung wurde die Akademisierung natürlich von den Lehrerverbänden aufgenommen, 
die eine Reform in diesem Sinne nach 1955 sogar als eine moralische Verpflichtung ein¬ 
klagten52. Noch zufriedener waren sie natürlich, als der Neuerung alsbald eine wesent¬ 
liche Besoldungsverbesserung folgte. Dennoch verlief der Übergang nicht reibungslos. So 
mußte selbst der seit dem 4. Juni 1957 als Kultusminister amtierende Franz-Josef Röder 
im Januar 1958 vordem Parlament eingestehen: Was die Pädagogische Hochschule selbst 
angeht, meine Damen und Herren, sie ist wie ein Alpdruck53. Anlaß zu diesem drastischen 
Urteil über die neuen Lehrerbildungsanstalten gab ihm vor allem die voreilige Übernahme 
der fünften Klassen der Lehrerseminare durch die Pädagogischen Hochschulen, die sonst 
wegen der mangelnden Nachfrage von Abiturienten nur wenig ausgelastet gewesen 
wären. Dadurch hat man, so Röder, den Charakter dieser Schule als Pädagogische Aka¬ 
demie von vornherein verdorben, da man dort Schüler mit Abitur und ohne Abitur ge¬ 
mischt hat. Wenn man also eine saubere Einrichtung schaffen will, wenn man konsequent 
den Standpunkt vertreten will, daß es Pädagogische Hochschulen sein sollen und daß die 
Voraussetzungen zum Besuch dieser Schulen die Reifeprüfung ist, dann muß man es auch 
konsequent durchhalten54. Die Stellungnahme Röders war durch eine Anfrage des CSU/ 
CVP55 Abgeordneten Werner Scherer ausgelöst worden, der im Rückgriff auf einen Pro¬ 
testbrief des Kollegiums des Lehrerseminars Ottweiler über den unorganischen Ab¬ 
49 Die Entscheidung fiel auf der Kabinettssitzung am 6. 6.1956. Vgl. hierzu Schreiben der Präsidial¬ 
kanzlei an das Kultusministerium-Tgb. Nr. G 976/56-vom 12. 6. 1956. Bestand Staatskanzlei 
ungeordnet. 
50 Von 1957 bis 1961 begnügte man sich mit einer Studiendauer von vier Semestern, erhöhte sie 
vorübergehend auf fünf, bis sie dann vom Jahre 1963 an endgültig auf sechs festgelegt wurde. Die 
vorsichtige Einführung des sechssemestrtgen Studiums stand in Zusammenhang mit dem damals 
stark spürbaren Lehrermangel. 
51 Vgl. dazu Päd. Hochschule Saarland, S. 33 (Im Quellen- und Literaturverzeichnis unter B 
I, 6. zu finden). 
52 Vgl. dazu als Beispiel die Resolution des Verbandes katholischer Erzieher. Abgedruckt in: Der 
katholische Erzieher, Nr. 11/12, 1956, S. 336. Siehe auch das Protokoll über den Delegiertentag 
des Verbandes katholischer Erzieher am 19.11.195 8. Sammlung des Verbandes katholischer Er¬ 
zieher des Saarlandes, Protokolle Vertreterversammlungen. 
53 Stenographische Berichte des Saarländischen Landtags, 3. Wahlperiode, S. 1248. 
54 Ebenda, S. 1248. 
55 Die CVP war, da sie sich mit der CDU über eine Vereinigung nicht verständigen konnte, aufgrund 
einer Vermittlung der Bonner CDU-Parteileitung eine Verbindung mit der CSU eingegangen. 
Ausschlaggebend hierfür war die Absicht, die CVP-Stimmen für die Union bei der Bundestags¬ 
wahl des Jahres 1957 zu retten. Die CVP operierte seitdem im Saarländischen Landtag als CSU- 
Fraktion. 
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