Full text: Bildungspolitik im Saarland

turwissenschaftlichen Gymnasiums wechseln zu dürfen, Wirtschaftsoberschule, Frauen¬ 
oberschule, Schulgeldfreiheit und Erziehungsbeihilfen sind hier Stichworte für eine ge¬ 
zielte Begabtenförderung, die zum Teil schon in der Hoffmannzeit eingesetzt hatte und 
nach 1955 verstärkt fortgesetzt wurde44. Daß die Politik der Mobilisierung bisher brach¬ 
liegender Begabungsreserven an der Saar besonders erfolgreich war, lag nicht zuletzt an 
den schon vor 1955 eingeleiteten Förderungsmaßnahmen für minderbemittelte Schüler, 
die zwar wegen der im Saarland ungünstigen Bildungsstrukturen aus einer Mischung von 
idealistisch-sozialethischen Motiven und handfesten politisch-bildungsökonomischen 
Spekulationen zustande kamen, aber trotzdem eine gute Ausgangslage für die Zeit nach 
1955 geschaffen hatten. Im Zeichen von Stetigkeit muß auch der Schulbau im Saarland 
gesehen werden. Rund 300 Millionen DM wurden in den Jahren von 1957 bis 1962 
hierfür ausgegeben45. So ließe sich der Nachweis bildungsgeschichtlicher Kontinuität an 
der Saar an vielen Beispielen belegen, wobei hier nur noch auf das berufsbildende Schul¬ 
wesen in seiner bevorzugten Förderung und auf die Lehrpläne für Volksschulen hinge¬ 
wiesen sei, die noch bis zum Jahre 1959 gültig blieben, bevor sie in Anlehnung an die 
Richtlinien von Rheinland-Pfalz neu gefaßt wurden46. 
Es gab nach 1955 aber auch Zäsuren. In diesem Zusammenhang müssen vor allem das 
Sonder- und Mittelschulwesen erwähnt werden. Dringend notwendig war vor allem eine 
fachliche Ausbildung der Sonderschullehrer und der weitere Ausbau der Sonderschule. Im 
Jahre 1962 erreichte das Saarland mit 100 Lehrern und 1 800 Schülern einen Wert, der 
es möglich machte, etwa jedes zweite der der Sonderpädagogik bedürftigen Kinder adä¬ 
quat zu beschulen47. Die Zahl der Mittelschulen stieg bis 1962 von zwei auf acht und die 
ihrer Schüler von 1 800 auf rund 5 000, womit man, wie es im Rückgriff auf die klassische 
Interpretation des Bildungsziels der alten preußischen Mittelschule in der Informations¬ 
schrift der saarländischen Regierung formuliert wurde, eine ausreichende Zahl von 
jungen Menschen zu einem qualifizierten Abschluß führen konnte, die keine Hochschul¬ 
reife erstreben und ihren Arbeitsplatz in den mittleren Führungsschichten von Industrie, 
Verkehr und Handel und in sozialpflegerischen Berufen suchen48. 
Als gravierender Einschnitt muß natürlich auch die Reform der Berufs- und Volksschul¬ 
lehrerbildung gesehen werden. Sämtliche saarländische Berufsschullehrer mußten vom 
Jahre 1958 an ein erfolgreiches mindestens achtsemestriges Universitätsstudium nach- 
weisen, wenn sie zum zweijährigen Vorbereitungsdienst mit abschließender 2. Staatsprü¬ 
fung zugelassen werden wollten. Die Berufslaufbahn der Gewerbelehrer war damit von 
den geforderten Qualifikationen her einheitlich geregelt und der der Philologen formal 
gleichgestellt. Noch bedeutsamer war die grundlegende Änderung der Volksschullehrer¬ 
44 Vgl. hierzu im einzelnen Regierung, Fünf Jahre, S. 9 ff. Siehe auch Regierung, Schule —Bil¬ 
dung und Ausbildung; Regierung, Bildung in Stufen und Regierung, Bildungspolitische Be¬ 
standsaufnahme (Im Quellen- und Literaturverzeichnis unter B I, 5. zu finden). 
45 Aufgeschlüsselt nach Bildungsbereichen: Volksschulen 210 Millionen, Berufsschulen 27 Mil¬ 
lionen, Mittelschulen 10 Millionen, Plöhere Schulen 23 Millionen, Ingenieurschule 4 Millionen, 
Universität 26 Millionen. Von den 300 Millionen trug das Land rund zwei Drittel, also rund 200 
Millionen. Das waren rund 30 v. H. der zur Verfügung stehenden Mittel in den Kulturetats in 
diesen Jahren. Das andere Geld wurde von den Gemeinden aufgebracht. Nach Regierung, 
Fünf Jahre, S. 20 ff. (Im Quellen- und Literaturverzeichnis unter B I, 5. zu finden). 
46 Regierung, Fünf Jahre, S. 10. 
47 Vgl. dazu oben, S. 176 f. in Verbindung mit Regierung, Fünf Jahre, S. 10. 
48 Regierung, Fünf Jahre, S. 11. 
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