Full text: Bildungspolitik im Saarland

bestehen blieb. Die Verhinderung der erstrebten Reform hatte sich die saarländische Re¬ 
gierung aufgrund ihrer bis zum Sommer 1954 andauernden abwartenden Haltung selbst 
zuzuschreiben, zumal sie damit der französischen Seite hinreichend Gelegenheit gab, die 
Angelegenheit dilatorisch zu behandeln. Daß Paris es mit der Sprachenfrage selbst im 
Jahre 1954 nicht eilig hatte, darauf deutet eine Notiz hin, die sich in der Niederschrift über 
die Sitzung des Synodalvorstandes der evangelischen Kirchengemeinde Saarbrücken am 
10. November 1954 findet. Sie beruht auf Mitteilungen des Oberkirchenrats Wehr über 
ein am 4. 10. 1954 gehabtes Gespräch mit Hoffmann, in dessen Rahmen auch die Spra¬ 
chenfrage angeschnitten worden war. Danach mußte Hoffmann, nachdem er den von 
Wehr vorgetragenen pädagogischen Bedenken gegenüber dem gegenwärtig praktizierten 
Französischunterricht zugestimmt hatte, einräumen, daß eine Neuregelung nur dann 
möglich sei, wenn es gelänge, Paris über eine Änderung der Kulturkonventionen aus dem 
Jahre 1948 zu bewegen49. Da es Hoffmann jedoch nicht gelang, mit der französischen 
Seite eine neue Übereinkunft zu erzielen50, geriet er in eine prekäre Lage, weil eine unge¬ 
duldig auf Reform drängende und sich zunehmend patriotisch findende Lehrerschaft und 
Öffentlichkeit die Einlösung wiederholt gemachter Zusagen in dieser Angelegenheit for¬ 
derte und dabei nicht davor zurückschreckte, die Frage nach der Glaubwürdigkeit seiner 
Regierung zu stellen. So wurde er selbst vom eigentlich regierungsfreundlichen Verband 
katholischer Erzieher mit massiven Beschwerden heftig attackiert. In einer Erklärung, die 
der Vorstand dieser Organisation am 23. 2. 1955 veröffentlichte, heißt u. a.: 
Trotz völlig eindeutiger Zusage an den Verbandsvorsitzenden am 18. 11. 1952, die auf 
Veranlassung von Regierungsstellen auch durch Radio und Presse verbreitet wurde, ver¬ 
schob man die Durchführung (einer Reform des Französischunterrichts im Sinne der Leh¬ 
rerverbände) unter Angabe von wechselnden Gründen immer wieder, und es tauchen 
daher begreiflicherweise ernste Zweifel auf, ob man überhaupt eine Änderung des gegen¬ 
wärtigen Zustandes will51. 
Daß die Auseinandersetzungen um den französischen Sprachunterricht über die pädago¬ 
gische Diskussion hinaus einen politischen Hintergrund hatten, das beweisen schließlich 
die immer wieder vorgetragenen Vergleiche mit der Situation im Elsässischen. Dort wurde 
seit 1950, wie es die saarländischen Lehrerverbände in etwa adäquat auch forderten, der 
deutsche Fremdsprachenunterricht fakultativ vom 4. Schuljahr an im Rahmen von zwei 
Wochenstunden gelehrt. 
Aber nicht nur darin unterschied sich die elsässische Situation von der saarländischen. 
Während im Saarland eine Regelung ä la Elsaß von den Lehrerverbänden und einer 
49 Niederschrift vom 10. 11. 1954. Archiv des Kirchenkreises Saarbrücken, Bestand Nachlaß 
Wehr, Aktengruppe 3. Es handelt sich um einen Auszug. Vgl. auch Schreiben (Durchschlag) des 
Oberkirchenrats Wehr an Hoffmann vom 30.10.1954, in dem er unter Bezugnahme auf sein Ge¬ 
spräch mit Hoffmann seine vorsichtig vorgetragenen Bedenken gegen den Französischunterricht 
in Volksschulen wiedergibt. Wehr argumentiert im Grunde ganz im Sinne der Lehrerverbände. 
Die Quelle ist im Anhang (Anlage 18) wiedergegeben. Archiv des Kirchenkreises Saarbrücken, 
Bestand Nachlaß Wehr, Aktengruppe 3. 
50 Eine Änderung erfolgte lediglich mit Blick auf die Aufnahmeexamen zur Sexta, bei denen vom 
Jahre 1952 an zwar weiterhin Kenntnisse der französischen Sprache geprüft wurden, ein Nicht¬ 
bestehen der Prüfung wegen der Leistungen im Französischen aber als nicht mehr möglich ver¬ 
ordnet wurde. LÄ Saarbrücken, Bestand Staatliches Mädchenrealgymnasium St. Wendel Nr. 23. 
51 Der katholische Erzieher, Nr. 6,1955, S. 211. Vgl. hierzu auch die im Anhang wiedergegebene 
Quelle Nr. 14. 
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