Full text: Bildungspolitik im Saarland

von Hoffmann herausgegebene Saarländische Volkszeitung die gezielte Förderung des 
französischen Sprachunterrichts verteidigt32, womit deutlich wird, daß der von Straus im 
Jahre 1946 begonnene sprachpolitische Kurs bei Hoffmann, auch wenn seine Motive zum 
Teil anderer Natur waren33, durchaus seinen Rückhalt gefunden hatte. Die Stellung¬ 
nahme des Blattes selbst war durch eine Leserzuschrift ausgelöst worden, die sich auf ein 
Gutachten des namhaften Ethymologen und Romanisten Albert Dauzat bezog, in dem 
sich dieser aus pädagogischen Gründen sehr zurückhaltend über die Möglichkeiten einer 
zweisprachigen Bildung an elsässischen Grundschulen geäußert hatte. Dauzat befürwor¬ 
tete zwar grundsätzlich eine Schulung in der deutschen Sprache im Rahmen eines ordent¬ 
lichen Schulfaches neben der muttersprachlichen Bildung im Französischen, akzeptierte 
einen solchen Schritt aber erst für den „Cours supérieur“, also vom sechsten Volksschul¬ 
jahr an. Einen zu frühen Beginn fremdsprachlicher Bildung, etwa vom zweiten Schuljahr 
an, hielt er aus lern- und entwicklungspsychologischen Gründen für verfrüht, da ein 
Schüler in der Regel erst mit 12 Jahren in der Lage sei, eine zweite Sprache par la lecture 
et par la grammaire zu erlernen34. Dauzats eindeutiges Votum für den absoluten Vorrang 
der muttersprachlichen Bildung sowie sein pädagogisch motiviertes „Nein“ zu einem 
Fremdsprachenunterricht im Bereich der unteren Schulklassen war natürlich Wasser auf 
die Mühlen der saarländischen Lehrerverbände, die u. a. mit ähnlichen Begründungen die 
Zulässigkeit und den Sinn eines zu frühen französischen Sprachunterrichts schon in der 
Zeit der „Ära Straus“ infrage gestellt hatten35. Der Druck der Lehrerverbände nahm in 
den Jahren danach kontinuierlich zu. Es gibt, so das Mitteilungsblatt des Verbandes Saar¬ 
ländischer Lehrer im Januar 1955, keine Lehrerveranstaltung (auch bei den anderen Ver¬ 
bänden), die sieb nicht mit der Erteilung des französischen Unterrichts in der Volksschule 
beschäftigt36. Dabei zeigte sich bald, daß die ruhelose Suche nach einer theoretisch und 
schulpraktisch akzeptablen Lösung dieses Problems letztendlich doch politisch motiviert 
war. 
Daran trugen allein schon die personalpolitischen Zwänge und Repressalien bei, die die 
Regierung wegen des Französischunterrichts auch in den Jahren nach Straus ausübte37. 
Im Unterschied zu damals wurde der Gegensatz nun aber weniger durch die Angst vor 
einer kulturellen Entfremdung bestimmt ais vielmehr durch die Furcht vor einer zusätzli¬ 
chen kulturpolitischen Trennlinie mit dem Mutterland. Provoziert wurde sie insbeson¬ 
dere durch die Formel von der kulturellen Eigenart des Saarlandes, die nach dem Willen 
der Regierung durch die umfassende Protektion des französischen Sprachunterrichts 
einen besonderen Akzent erhalten sollte38. Die Fronten waren damit klar. Während die 
32 Saarländische Volkszeitung vom 5. 1. 1951. 
33 Vgl. oben, S. 107 ff. und S. 200 ff. 
34 Die gutachtliche Stellungnahme Albert Dauzats unter dem Titel „La défense de la langue fran¬ 
çaise“ ist abgedruckt in der Ausgabe von Le Monde vom 26. 4. 1950. 
35 Siehe im einzelnen oben, S. 200. 
36 Mitteilungsblatt des Verbandes Saarländischer Lehrer Nr. 1, 1955 (Januar). 
37 Zugestanden wurde im Januar 1954 lediglich der Wegfall der wissenschaftlichen Französisch- 
Prüfung im Volksschullehrerexamen. Rundschreiben des Kultusministeriums an die Schulräte 
vom 15. 11. 1954. LA Saarbrücken, Bestand Kreisschulamt Ottweiler Nr. 52. Vgl. dazu auch 
Mitteilungsblatt des Verbandes Saarländischer Lehrer Nr. 1, 1955 (Januar). 
38 Vgl. hierzu Hoffmanns Ausführungen in seinen Erinnerungen auf S. 150 und die Stellungnahme 
der Saarländischen Volkszeitung zum französischen Sprachunterricht vom 5.1.1951. Siehe auch 
den propagandistisch aufgemachten Artikel der Saarländischen Volkszeitung vom 20. 10. 1955 
über den französischen Sprachunterricht an Volksschulen. 
240
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.