Full text: Bildungspolitik im Saarland

Eine ähnliche Richtschnur galt auf unterer Ebene auch für die Fakultätsräte und -Ver¬ 
sammlungen, während die studentischen Körperschaften lediglich ein Recht auf Anre¬ 
gungen hatten21. 
2. Die Verfassung der Universität in der Praxis 
Wenn man die verfassungsrechtlichen Bestimmungen und die Beziehungen der Universi¬ 
tätsorgane untereinander näher beleuchtet, so stellt man bald fest, daß der Grad akademi¬ 
scher Mitbestimmung an der Saaruniversität im Zeitraum bis 1956 entscheidend davon 
abhing, in welcher Weise und in welchem Umfang die gouvernemental instrumentali¬ 
sierten Gremien von Verwaltungsrat, Direktionsausschuß und Rektorat das Vorschlags¬ 
recht des Universitätsrates zu berücksichtigen bereit waren, oder anders gefragt: in wel¬ 
cher Stärke hat sich der kollegial strukturierte Universitätsrat mit seinem Beratungs- und 
Mitspracherecht praktisch in Szene setzen können? Nach den übereinstimmenden Aus¬ 
sagen von Straus und Woelfflin ist der Verwaltungsrat sowohl in seinen Haushalts- als 
auch in seinen Personalentscheidungen den Vorschlägen aus dem Universitätsrat, die ihm 
durch den Rektor übermittelt wurden, in der Regel weit entgegengekommen22. Diese Be¬ 
zeugungen lassen sich nicht nur anhand der Sitzungsprotokolle des Verwaltungsrates be¬ 
legen23, sondern auch durch die Tatsache, daß die oft aus nationalem Paritätsdenken ge¬ 
borenen Reibereien um Personalvorschläge im Universitätsrat wesentlich stärker spürbar 
waren als im Verwaltungsrat. 
Die Kulanz des Verwaltungsrates stand natürlich auch in engem Zusammenhang mit der 
günstigen Haushaltslage der Universität. Für das Jahr 1955 erreichte der ordentliche Etat 
ein Volumen von rund 718 Millionen ffrs (= 8,6 Millionen DM) und im außerordentli¬ 
chen Haushalt ein solches von rund 290 Millionen ffrs (= 3,5 Millionen DM)24. Damit 
vermehrte es sich ingesamt gegenüber dem Rechnungsjahr 1949 fast um das Dreifache. 
Der Anteil der französischen und der saarländischen Regierung am ordentlichen Haus¬ 
halt belief sich dabei auf jeweils 278 Millionen ffrs (= 3,34 Millionen DM)25. Mit ihren 
Gesamteinnahmen von 1 008 Millionen ffrs (= 12,1 Millionen DM) erreichte die Saar¬ 
universität einen Etat, um den sie manche Universität vergleichbarer Größe in Frankreich 
und Deutschland auch dann noch beneidet hätte, wenn man hinreichend die Mehraus¬ 
gaben einer sich im Aufbau befindlichen Hochschule berücksichtigt. Die günstige Haus¬ 
haltslage dokumentiert sich nicht zuletzt in den nicht ausgegebenen Restsummen, die der 
Verwaltungsrat als Rücklage jeweils auf das folgende Rechnungsjahr zu übertragen 
hatte26. Sie erreichten für das Geschäftsjahr 1953 sogar eine solche Höhe, daß Straus im 
21 Vgl. dazu die Artikel 36 ff. des Universitätsstatuts in Verbindung mit den Ausführungen von W. 
Veauthier, S. 246 und S. 256 ff. sowie I. Spangenberg, S. 37 ff. 
22 Interview P. Woelfflin vom 27. 11. 1976 und E. Straus vom 25. 11. 1976. 
23 Vgl. dazu im einzelnen die Aufzeichnungen der Jahre 1950 bis 1956. LA Saarbrücken, Bestand 
KM, Abt. Hochschulen, UIS - Verwaltungsrat 1950 — 1956. 
24 Kurs vom 15. 1. 1952 bis 11. 8. 1957. 
25 Protokoll über die Sitzung des Verwaltungsrates vom 19.7.1954. LA Saarbrücken, Bestand KM, 
Abt. Hochschulen, UIS Universitätsrat und Verwaltungsrat 1954 - 1955. 
16 Bekannt sind die Überschüsse bis zum Jahre 1952. Sie betrugen für das Haushaltsjahr 1948 7,3 
Mill. ffrs, für 1949 51 Mill. ffrs, für 1950 23 Mill. ffrs, für 1951 162 Mill. ffrs und für 1952 103 
Mill. ffrs. Amtlicher Prüfbericht der Generalfinanzkontrolle des Saarlandes betreffend Univer¬ 
sität des Saarlandes vom 25. 8. 1953. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Hochschulen, V/UIS 
— 39 -. 
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